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13.12.2022
Frauen in der Anwaltschaft
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Von echter Gleichstellung weit entfernt

1922 wurde Dr. Maria Otto als erste Rechtsanwältin im Deutschen Reich zugelassen. 100 Jahre später ist in Deutschland etwa ein Drittel der Anwaltschaft weiblich. Dabei braucht die Branche die Frauen und wird sich auf sie einstellen müssen.

Erst vor 100 Jahren, am 7. Dezember 1922, ließ das Bayerische Staatsministerium der Justiz auf Grundlage des Gesetzes über die Zulassung der Frauen zu den Ämtern und Berufen der Rechtspflege Dr. Maria Otto als erste Frau zur Anwaltschaft zu, am 18. Dezember 1922 wurde sie in die Anwaltsliste eingetragen. „Eine wichtige Errungenschaft, die auf die damalige bürgerliche Frauenbewegung zurückzuführen ist“, meint Rechtsanwältin Mechtild Düsing, die der Deutsche Anwaltverein 2019 mit dem Maria-Otto-Preis auszeichnete. Das Gesetz gewährte Frauen Zugang zu beiden Staatsexamina und damit zu den klassischen juristischen Berufen.

Eine Errungenschaft, die nicht lange anhielt: Die in der NS-Zeit folgenden Berufsverbote und die antisemitische Verfolgung trafen die erste Generation der Anwältinnen hart. „Nach dem Krieg musste man wieder ganz neu anfangen“, sagt Düsing. Zur Anwaltschaft zugelassen zu werden, habe nicht bedeutet, auch in bestehende Anwaltskanzleien eingestellt zu werden. „Auf meine Anfrage in einer Kanzlei im Jahre 1973, ob man mich einstellen wolle – ich hatte immerhin ein „Gut“ im 2. Staatsexamen – bekam ich die Antwort: ‚von Frauen in unserem Gewerbe halten wir nichts‘“, erinnert sich die Fachanwältin für Verwaltungs-, Erb- und Agrarrecht.

Im internationalen Vergleich rangiert Deutschland im Mittelfeld

Das Blatt hat sich gewendet: In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Rechtsanwältinnen in der Anwaltschaft kontinuierlich gewachsen. Im Jahr 2022 zählt der Anwaltsmarkt 60.000 Rechtsanwältinnen, also 36,3 Prozent der gesamten Anwaltschaft.

Ein Blick auf den juristischen Nachwuchs zeigt: An Absolventinnen mangelt es nicht. In den meisten juristischen Fakultäten sind mittlerweile mehr als 60 Prozent der Studienanfänger:innen weiblich, die Zweite Juristische Staatsprüfung weist 2019 einen Frauenanteil von 56 Prozent auf. Die Zahlen der Absolventinnen und die der Rechtsanwältinnen gehen also weit auseinander. Und im internationalen Vergleich rangiert Deutschland lediglich im hinteren Mittelfeld. Blickt man beispielsweise nach Frankreich, Großbritannien oder Polen, fällt die Frauenquote in der Anwaltschaft von über 50 Prozent auf. Dass Deutschland schlechter abschneidet, sieht Prof. Dr. Matthias Kilian, Direktor des Instituts für Anwaltsrecht der Universität zu Köln und Leiter des Soldan Instituts, zum einen in dem sehr hohen Durchschnittsalter von 52 Jahren in der Anwaltschaft begründet. Es seien aktuell noch in starkem Maße Altersjahrgänge dominant, die in der Regel in den 80er- beziehungsweise 90er-Jahren studiert hätten und einen deutlich geringeren Frauenanteil aufwiesen.

„Ein weiterer wesentlicher Grund: Die geteilte Volljuristenwelt in Deutschland“, erklärt Kilian. „Es gibt kaum ein Land, in dem es eine so hohe Richterdichte gibt wie bei uns – in Deutschland ist das für weibliche Absolventen ein echter alternativer Beschäftigungsmarkt.“ In angelsächsischen Ländern seien Richterstellen nicht zwingend als Berufskarrieren konzipiert, Richter:in werde man häufig in fortgeschrittenem Alter, nachdem man lange Zeit in der Anwaltschaft tätig war. „Der hohe Frauenanteil von 67 Prozent in der Anwaltschaft in Frankreich hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Familie und Beruf durch Kinderbetreuungskonzepte dort besser vereinbar sind“, vermutet Kilian.

Anwaltschaft verliert die Frauen zwischen 30 und 40 Jahren

Aber die Neuzulassungen nehmen zu: 2019 lag die Zahl der neu zugelassenen Rechtsanwältinnen in Deutschland bei 52,2 Prozent – bisher ein Höchstwert, seitdem ist die Zahl ein wenig zurückgegangen. Wie aber kann es sein, dass so viele Juristinnen Anwältinnen werden, insgesamt aber nur 36 Prozent der Anwaltschaft ausmachen? Kilian erläutert: „Entweder hat man den Beruf von vorneherein nur als vorübergehenden geplant. Man kann sich am Tag nach dem zweiten Examen als Anwalt zulassen, um dann zu schauen, was sich im Öffentlichen Dienst ergibt.“ Oder man probiere sich ein paar Jahre als Anwältin aus, weil es der primäre Berufswunsch war – um dann festzustellen, dass der Beruf sich nicht mit dem persönlichen Lebenskonzept vereinbaren lässt.

Laut Kilian bietet die Anwaltschaft teilweise nicht die passenden Beschäftigungsmodelle an, um Frauen zu halten. In Kanzleien sei weiterhin die Vorstellung verbreitet, dass nach ein paar Jahren der Anstellung die Entscheidung anstehe, ob man in das Unternehmertum wechsele und Partner:in werde. „Das entspricht deutlich seltener den Karrierepräferenzen von Frauen als von Männern – und wenn es dann keine vernünftigen Konzepte für eine dauerhafte Tätigkeit in Anstellung gibt, dann geht es irgendwann nicht mehr weiter“, sagt Kilian. Das sei eine Entscheidung, die in den meisten Kanzleien typischerweise spätestens nach 10 Jahren anstehe. Sie falle genau in das Alter, in dem Frauen eine Familie gründeten – wenn man das Durchschnittsalter der Zulassung von 29 Jahren betrachte. „Die Anwaltschaft verliert zwischen 30 und 40 grob überschlägig jede sechste Frau“, beleuchtet Kilian. „Man sagt ja immer, der Frauenanteil in der Anwaltschaft steigt – tatsächlich geht aber die absolute Zahl der in Kanzleien niedergelassenen Frauen zurück, trotz des steigenden Frauenanteils in der Gesamtanwaltschaft.“

Frauenanteil steigt nur wegen Syndikusanwältinnen

Obwohl die Gesamtzahl der Anwältinnen seit 2017 um 4.000 zugenommen hat, hat die Anwaltschaft seitdem 3.000 in Kanzleien niedergelassene Frauen verloren. „Der Frauenanteil steigt ausschließlich aufgrund der Syndikusanwaltschaft“, sagt Kilian. Dort sind die Frauen überrepräsentiert: 58 Prozent  der Syndikusanwält:innen, die ausschließlich diese Art der Zulassung haben, sind weiblich. Kilian erklärt: „Die Vorteile liegen auf der Hand – die Syndikusanwaltschaft kombiniert, wenn man so will, die Vorteile des öffentlichen Dienstes und die der Anwaltschaft: Man hat in Unternehmen geregeltere Arbeitszeiten, weniger intensiven Ergebnisdruck als in Kanzleien und mehr Verständnis für Ausfallzeiten während der Schwangerschaft und Familiengründung.“ Es sei eine attraktive Alternative, wenn man in der Anwaltschaft bleiben, aber nicht unternehmerisch tätig sein wolle.

Die Erfahrung hat auch Mechtild Düsing gemacht, die in ihrer Kanzlei viele Referendarinnen ausbildet: „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist immer noch ein großes Thema bei jungen Frauen“, berichtet die Maria-Otto-Preisträgerin. „Die meisten denken, der freie Anwaltsberuf – der eigentliche Anwaltsberuf – sei nicht vereinbar mit einer Familiengründung“. Frauen sei Sicherheit im Leben wichtiger. Das unternehmerische Selbstvertrauen, das ein Anwalt mitbringen müsse, fehle ihnen oft. „Das Argument ‚man kann ja gut Geld verdienen‘ scheint nicht mehr richtig zu ziehen“, sagt Düsing.

Frauen dominieren in ertragsärmeren Rechtsgebieten

Aber verdienen Frauen wirklich weniger? Prof. Dr. Maria Wersig, Präsidentin des Deutschen Juristinnenbundes, meint, Entgeltungleichheit zwischen Männern und Frauen existiere auch in der Anwaltschaft und hänge unter anderem mit der Unvereinbarkeit von Arbeit und Familie zusammen. Sie bezieht sich dabei auf eine Studie der Bundesagentur für Arbeit vom Februar 2022, die die mittleren monatlichen Brutto-Gehälter von Personen verglich,  die älter als 55 Jahre sind und in Vollzeit arbeiten. Danach verdienen Frauen als Rechts-, Fach- und Syndikusanwältinnen 12 Prozent weniger als Männer, wenn sie die gleiche Position innehaben.

Kilian sieht diese Betrachtungsweise kritisch: Es gebe zwar einen Gender Pay Gap in der Anwaltschaft, man könne einen solchen aber jedenfalls nicht in einer festen Prozentzahl ausdrücken: „Der Großteil der Anwälte ist nicht angestellt tätig, der Gender Pay Gap ist aber klassischerweise ein Thema von Angestellten.“ Bestehende Einkommensunterschiede führt Kilian nicht unmittelbar auf das Geschlecht zurück. Das Problem liege eher darin, dass Frauen und Männer schwerpunktmäßig in unterschiedlich ertragsstarken Rechtsgebieten tätig seien. Die Rechtsgebiete mit der höchsten Frauenquote sind das Familienrecht (59,0 Prozent), das Migrationsrecht (55,0 Prozent) und das Sozialrecht (44,4 Prozent) – Bereiche, in denen ganz überwiegend nach dem Rechtsanwaltsvergütungsgesetz und häufig auch auf der Basis von Prozesskosten- beziehungsweise Verfahrenskostenhilfe abgerechnet wird. Mit Vergütungsvereinbarungen könne diese Abrechnung nicht konkurrieren. „Männer sind dagegen traditionell überrepräsentiert in wirtschaftsrechtlichen Materien, die von Haus aus ertragsstärker sind, weil man mit Unternehmern zu tun hat und nicht auf Basis des Rechtsanwaltsvergütungsgesetzes abrechnet, sondern nach Stundensätzen“, erläutert Kilian.

Was muss sich verbessern?

Die Anwaltschaft braucht die Frauen – was muss sich also ändern? Wersig fordert unter anderem eine wirksame Verpflichtung von Betrieben, ihre Gehaltsstrukturen zu evaluieren, „Modelle, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, vor allem von Familie und Karriere möglich machen, für alle Geschlechter“.

Auch laut Matthias Kilian ist es an den Kanzleien, sich an die Bedürfnisse der Frauen anzupassen. Deren historisch gewachsene Beschäftigungsmodelle seien bisher nicht darauf ausgerichtet, in großem Umfang Anstellungen zu ermöglichen. „Wenn aber 60 Prozent der Studierenden oder noch mehr perspektivisch Frauen sind, die deutlich häufiger kein Interesse an unternehmerischen Tätigkeiten oder Kanzleigründungen haben, muss sich der Markt darauf einstellen.“ Zudem müsse man die Leerphrase „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ mit Leben füllen. Teilzeit würde zwar bereits ermöglicht. So arbeitete 2019 etwa ein Viertel aller niedergelassenen Rechtsanwält:innen in Teilzeit. Derartige Modelle führten aber karrieretechnisch auf ein Abstellgleis, da Mitarbeitende nicht als vollwertiges Teammitglied wahrgenommen würden. Besser wäre laut Kilian daher ein echtes „Job-Sharing“, bei dem sich zwei Personen eine vollwertige Stelle teilten und so von ihrem Team auch als vollwertig Kräfte behandelt würden.

Auch das Fachanwaltschaftsmodell, ein Trend der vergangenen 20 Jahre, müsse man an die moderne Anwaltschaft anpassen, sagt der Anwaltsrechtler. Frauen seien auch hier unterrepräsentiert: „Obwohl die Zahlen in den Fachanwaltschaften insgesamt wachsen, gehen die Zahlen in Bereichen wie dem Familienrecht, das stark weiblich dominiert ist, zurück.“ Denn es sei für Frauen schwieriger, die Spezialisierung zu erwerben: Auch dieses Konzept kollidiere zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr häufig mit Familiengründungen. Zwar könne man die Zeit, in der man seine praktischen Fälle sammeln müsse, seit einigen Jahren wegen Elternzeit verlängern. Wenn man in Teilzeit arbeite, bleibe die zu erreichende Fallzahl und der Zeitraum trotzdem derselbe, mit deutlich weniger Arbeitszeit. Das Problem: Die berufsständische Selbstverwaltung entscheide, wie Fachanwaltsschaftsmodelle ausgestaltet seien. Und auch da seien Frauen noch stark unterrepräsentiert.

Ein wunder Punkt, den auch Düsing anspricht: „Die Haupterrungenschaft in den letzten Jahrzehnten ist die Sichtbarkeit der Frauen.“ Aber es fehlten immer noch Vorbilder an herausgehobener Stelle. „Im Deutschen Anwaltverein gibt es mit Edith Kindermann endlich mal eine Präsidentin, in der Bundesrechtsanwaltskammer hat es das noch nie gegeben“, sagt Düsing. „Sichtbar werden hat in der Vergangenheit nur geklappt, weil die Frauen aufsässig wurden“.

Suggested Citation

Schlicker, Marie-Luise, Von echter Gleichstellung weit entfernt, libra-rechtsbriefing, 13.12.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/100-jahre-maria-otto/

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