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Foto von Ewan Buck auf unsplash
12.07.2022
Mobiles Arbeiten für Anwält:innen
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Co-Working Spaces für Kanzleien?

Co-Working, mobiles Arbeiten, Flexibilität – die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Doch nicht alles, was die anderen dürfen, dürfen Anwält:innen auch. Co-Working Spaces, Kanzleipflicht und Verschwiegenheit – passt das zusammen? Die Rechtsanwaltskammern würden wohl die Nasen rümpfen.

Der Anwaltsberuf ist ein besonderer Beruf und unterliegt zahlreichen berufsrechtlichen Pflichten, die von den Rechtsanwaltskammern mal mehr oder weniger streng überwacht werden. Wie Anwält:innen zu arbeiten haben, gibt die Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) vor. Konkretisiert wird sie durch die BORA, die Berufsordnung für Rechtsanwälte, die sich die Anwält:innen als Satzung selbst geben. Das bietet in der Theorie die Möglichkeit, das anwaltliche Berufsrecht zügig an „moderne“ Entwicklungen anzupassen, etwa an den (unverschlüsselten) Mailverkehr. So geschehen etwa in § 2 Abs. 2 S. 5 und 6 BORA, wonach Anwält:innen seit dem 1.1.2020 explizit in vielen Fällen unverschlüsselt mit Mandant:innen kommunizieren können, ohne gegen die Berufspflicht der Verschwiegenheit zu verstoßen.

Kanzlei in Zeiten der Digitalisierung?

Nach § 27 Absatz 1 BRAO hat der Anwalt im Bezirk der Rechtsanwaltskammer, deren Mitglied er ist, eine Kanzlei einzurichten und zu unterhalten. Das soll gewährleisten, dass es sowohl für die Rechtsuchenden als auch für Gerichte und Behörden eine räumlich eindeutig definierbare Stelle gibt, an die alle für den Anwalt oder die Anwältin bestimmten Zustellungen, Mitteilungen und sonstigen Nachrichten wirksam gerichtet werden können. § 5 BORA versucht diese Mindestanforderungen an die Einrichtung einer Kanzlei dahingehend zu konkretisieren, dass der Anwalt verpflichtet ist, „die für seine Berufsausübung erforderlichen sachlichen, personellen und organisatorischen Voraussetzungen vorzuhalten”.

Nach der mehr als dreißig Jahre alten Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) gehören zu diesen Mindestanforderungen ein betrieblicher Telefonanschluss, ein Briefkasten und ein Kanzleischild (1 BvR 1770/83). Letzteres wird aber von den Kammern nicht mehr als zwingend angesehen. Es genüge, die Berufsbezeichnung auf dem Klingelschild kenntlich zu machen, so etwa die RAK Berlin (Kammerton 03/2019, S. 35). Wer Konkretisierungen zur Kanzlei in Zeiten der Digitalisierung sucht, findet sie nicht im Berufsrecht.

Flexibilität und Verlässlichkeit 

Ob ein Co-Working Space dem in diesen Vorschriften niedergelegten Berufsbild und der erforderlichen Erreichbarkeit entspricht? Aus Sicht der Kammern wohl kaum. Viele Co-Working Spaces lassen gerade eine dauerhafte Anmietung von Räumen nicht zu. Geschweige denn einen eigenen Briefkasten.

Aber auch aus einer weniger strengen Perspektive und obwohl wir in Zeiten fast ausschließlich digitaler Kommunikation leben, muss die Antwort zumindest jein lauten. Noch immer gibt es viele Rechtsgebiete, in denen der persönliche Anwältin-Mandant-Kontakt eine wichtige Rolle spielt, man denke etwa an das Familienrecht, das Aufenthaltsrecht oder das Strafrecht. Auch soll es immer noch Gerichte geben, die ihre Korrespondenz ausschließlich per Post verschicken. Beides ließe sich zwar über zeitweise für eine Besprechung angemietete Räume lösen, eine feste Erreichbarkeit gewährleistet das aber nicht – jedenfalls dann nicht, wenn der Co-Working Space die einzige Kanzleiadresse sein soll.

Flexible Anwält:innen könnten das Dilemma aber über die Anmeldung der Kanzlei an der Wohnadresse lösen (was viele Einzelanwält:innen heute ohnehin machen). Auch angestellte Anwält:innen, die einfach mal woanders arbeiten wollen oder müssen, sind über ihre Kanzlei (weiterhin) erreichbar. Eine imposante Bücherwand und ein massiver Holzschreibtisch sind jedenfalls keine berufsrechtliche Pflicht.

Verschwiegenheit und Co-Working? Eine schwierige Verbindung 

Berechtigterweise würden die Kammern vor allem wegen eines anderen Themas die Nasen rümpfen: der anwaltlichen Verschwiegenheit und des Berufsgeheimnisses. Sie machen den Kern der Vertrauensbeziehung zwischen Anwältin und Mandant aus. In einer Kanzlei, in der ausschließlich Berufsgeheimnisträger*innen und auf das Berufsgeheimnis Verpflichtete zusammenarbeiten, scheint § 43a Absatz 2 BRAO, der diese Kernpflicht regelt, besser aufgehoben zu sein.

Verschwiegenheit ist heute aber vor allem ein Thema der IT-Sicherheit. Da drängt sich die Frage auf, wo eigentlich der Unterschied zwischen Homeoffice und der Arbeit im Co-Working Space liegt. Denn die anwaltliche Verschwiegenheit ist häufig nur so gut wie die verwendeten IT-Systeme.

Auch zuhause können Unterlagen offen liegen gelassen, der Bildschirm nicht gesperrt und E-Mails an die falschen Empfänger:innen verschickt werden. Anders als im Co-Working Space lassen sich dort aber leichter Regeln bezüglich der eigenen Arbeit durchsetzen. Dem Lebenspartner oder der Tochter vertraut man in der Regel mehr als dem Co-Worker. Noch wichtiger: Zuhause kann man ziemlich sicher sein, dass diejenigen, die zuhören, nicht für die andere Seite arbeiten.

Wer mag, kann ja mal die Mandantin oder den Mandanten fragen, was sie oder er davon hielte, das Mandat im Co-Working Space zu besprechen. Vertraulichkeit kann manchmal auch eine Frage von Vertrauen sein.

Suggested Citation

El-Auwad, Maya, Can we co-work it out?, libra-rechtsbriefing, 12.7.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/can-we-co-work-it-out/ ‎

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