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30.08.2022
Recht im Metaverse
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Die virtuelle Kanzlei als PR-Schachzug

Sind Metaversen nur ein hohler Hype wie 2007 das Gerede von „virtuellen Welten” wie Second Life? Oder müssen sich Anwälte am besten schon jetzt damit beschäftigen? Rechtsanwalt Andreas Lober aus der Kanzlei Advant Beiten hat einen eigenen Blick auf die Frage: Er schrieb und sprach schon damals über virtuelle Welten.

Zur Einführung: Metaversen sind spätestens seit 2021, als sich Facebook in Meta umbenannte, wieder im Gespräch. Es sind konsistente und persistente digitale Räume, die durch die Konvergenz von virtueller, erweiterter und physischer Realität entstehen. Die Visionen sind gewaltig. Auch der Rechtsmarkt lässt sich locken: „Gleiss eröffnet Büro im Metaversum”, las man kürzlich. – und als erste größere Kanzlei in der virtuellen Welt galt damals Field Fisher Waterhouse.

Lieber Herr Lober, Sie und ich haben im Jahr 2007 geglaubt, „Second Life“ wäre das nächste große Ding, haben Texte geschrieben, Juristen haben viele neue Rechtsfragen debattiert. Das Gartner Institute prognostizierte damals für das Jahr 2011, dass 80 Prozent der Menschen ein virtuelles Leben führen würden. Haben Sie auch ein Déjà Vu?

Das war eine rhetorische Frage, oder? Aber: haben wir beide damals geglaubt, das Geschäftsimperium von Anshe Chung sei nachhaltig?

Mit 27 habe ich so einiges geglaubt. Wie beobachten Sie denn bisher das Thema Metaversum?

Mit so viel Distanz, dass mich gestern ein Kollege gefragt hat, ob ich vielleicht zu alt sei, um mich dafür zu begeistern. Ich habe gemeint: eher alt genug, um aus Second Life meine Schlüsse gezogen zu haben.

Mark Zuckerberg war kürzlich mit einem Metaversum-Selfie zu sehen und hat dafür vor allem Spott kassiert – die Grafik sei „zum Augenausstechen hässlich“, hieß es unter anderem. Glauben Sie, diesmal wird es das große Ding? Und warum (nicht)?

Ich frage mich nach wie vor, ob es sein kann, für dieses Selfie eine Freigabe zu erteilen, ohne den Spott vorauszusehen. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass wir früher oder später ein Metaversum – oder vielleicht auch mehrere – bekommen werden. Die Frage ist nur, ob die Zeit dafür jetzt schon reif ist. Das ist jetzt aber keine rhetorische Frage gewesen. Offenbar ist jedenfalls die Zeit jetzt schon reif dafür, dass sehr, sehr große Summen auch von sehr, sehr namhaften Marktteilnehmern in ihre jeweilige Vision des Metaversums investiert werden. Das hat natürlich eine ganz andere Dimension als das, was damals Linden Labs in Second Life investieren konnte. Aber natürlich keine Garantie für einen Erfolg, wenn wir beispielsweise an Sonys „Home“ denken.

Sie meinen die inzwischen geschlossene virtuelle Welt für die Playstation 3. Gekippte virtuelle Welten gibt es wirklich viele. Wovon hängt der Erfolg ab?

Am Ende entscheidet, ob die Menschen einen Grund haben, ins Metaversum zu gehen. Der Spott, dem Mark Zuckerberg jetzt ausgesetzt ist, kommt natürlich daher, dass viele beim Metaversum an Romane wie Snow Crash und Otherland denken, an eine voll immersive virtuelle Welt, ein Substitut für die reale Welt. Wenn ich aber ein VR Headset aufsetzen soll, um einzutauchen, muss mir das Metaversum einen verdammt guten Grund dafür liefern – sei es Unterhaltung, sei es Nutzwert, seien es ökonomische Anreize. Den konnte Second Life nicht ausreichend bieten.

Vielleicht ist der Spott aber auch – teilweise – ein Ausdruck von Arroganz und Technologiebessenheit. Vielleicht ist ein voll immersives Metaversum aktuell gar nicht sinnvoll, weil es viel wichtiger ist, dass sich viele Personen sich mit geringen technischen Hürden von überall aus schnell und einfach einklinken können. Vielleicht benötigt man für ein erfolgreiches Metaversum keine volle Immersion. Denken wir an den Erfolg eines „Fortnite“ oder „Minecraft“, bei dem sich seinerzeit auch die damalige Kanzlerin Angela Merkel – so konnte man es jedenfalls lesen – über den klobigen Look gewundert hat und fragte, ob das nicht besser ginge. Oder an Handyspiele. Also: Wenn die Leute etwas zu tun haben, ist es vielleicht gar nicht so schlimm, wenn die Figuren keine Unterkörper haben – nur wird dann eben vorläufig die Pornoindustrie als Technologietreiber weitgehend ausfallen.

Die Frage ist aber vielleicht eher: Geben die jetzigen Iterationen des Metaversums genug Grund, sich dorthin zu begeben? Dass es Sinn macht, in „Horizon Worlds“ oder „Decentraland“ Meetings abzuhalten statt über Zoom, Teams oder Wire, leuchtet mir jedenfalls nicht ein.

Inwiefern sollten sich Kanzleien jetzt schon damit beschäftigen, etwa eine virtuelle Kanzlei eröffnen oder Expertise aufbauen?

Wer sich mit dem Technologiebereich beschäftigt, sollte auch zum Metaversum sprechfähig sein. Eine virtuelle Kanzlei zu eröffnen, kann aus PR-Gründen ein guter Schachzug sein. Über das Metaversum Informationen auszutauschen, die dem anwaltlichen Berufsgeheimnis unterliegen, ist aber gewagt oder erfordert jedenfalls eine genaue Prüfung und entsprechende Verträge mit dem Betreiber des entsprechenden Metaversums.

Glauben Sie, das Metaversum gebiert neue Rechtsfragen – oder bleibt es bei den üblichen Problemfeldern des Internetrechts?

Na, viele der für die Allgemeinheit spannenden Fragen haben Sie und ich doch schon 2007 diskutiert – ob ein Avatar beleidigungsfähig ist, ob also die damals bei einem virtuellen Vortrag über den Bildschirm geflogenen Darstellungen von Geschlechtsteilen den Avatar Anshe Chung beleidigt haben oder seine Inhaberin Ailin Gräf.

Das war eine mit großem Ernst geführte internationale Rechtsdebatte!

Ja, dazu hatte jeder schnell eine Meinung, zu den damals schon kniffligen Themen rund um Besteuerung – vor allem Umsatzsteuer – eher nicht. Und dann natürlich das Rechtsverhältnis zwischen den Betreibern und den Bewohnern des Metaversums, als ob die Betreiber „Gott“ spielen dürfen und das Metaversum nach Gutdünken verändern.

Die Welt hat sich weitergedreht in den letzten 15 Jahren.

Ja, seitdem sind natürlich noch ein paar Themen dazu gekommen, vor allem die Crypto-Rechtsfragen, vor allem aber hat die Regulierung massiv zugenommen. In vielen Ländern. Gerade Europa hat momentan aber nach meinem Gefühl einen besonders großen Regulierungsdrang. Die EU-Datenschutz-Grundverordnung und das neue Verbraucherschutzrecht (Omnibus-Richtlinie, Digitale Inhalte Richtlinie und das deutsche Add-on Gesetz für faire Verbraucherverträge) gelten jetzt schon, dazu kommen ja noch der Digital Markets Act und der Digital Services Act, beide hoch relevant für das Metaversum, das ja – im Erfolgsfall – die (sehr große) Online-Plattform schlechthin sein wird. Insofern finde ich es schon recht gruselig, dass der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments schonmal vorbeugend weitere Metaversum-spezifische Regulierung in den Raum stellt, ohne tiefgreifend zu analysieren, ob der bestehende Rechtsrahmen vielleicht ausreicht. Allein über die Anwendung der bestehenden EU Regelungen auf das Metaversum werden sich ganze Regale füllen lassen.

Gibt es Rechtsfragen, die ganz Metaversen, ihrer Natur nach betreffen?

Die gibt es: Die Regelungen in Europa (neben den EU-Regelungen gibt es ja auch noch länderspezifische Regelungen) sind momentan allesamt von einem Kampf gegen illegale oder als schädlich empfundene Inhalte geprägt, während in den USA „free speech“ wohl weiterhin höher gehalten wird. Momentan behelfen sich viele große Plattformen damit, dass sie die Inhalte – jedenfalls soweit gesetzlich zwingend vorgegeben – an die nationale Rechtslage anpassen, das heißt man findet in den USA eventuell manche Inhalte, die Nutzer in Deutschland nicht sehen – und in Russland, Saudi Arabien oder China sieht es wiederum anders aus. Dies lässt sich bei Web-Angeboten oder App Stores leicht realisieren, die wenigen wirklich globalen virtuellen Welten sind meist Fantasy-Spiele, die auch nach dem Prinzip des weltweit kleinsten gemeinsamen Nenners im wesentlichen unverändert über den ganzen Globus funktionieren und legal sind. Aber wie ist es in einem Metaversum, das von seiner Natur her global sein sollte und für alle Themen offen? Was passiert, wenn Nutzer Hakenkreuze zeigen, das Z-Symbol, öffentlich rauchen oder Alkohol trinken, den thailändischen König beleidigen, die polnische Fahne schänden oder sich freizügig kleiden, weil das in ihrer Heimat akzeptiert oder jedenfalls legal ist? Dies sind nur ein paar Gedanken, ich könnte noch lange weiter machen.

Lieber Herr Lober, vielen Dank! Lassen Sie uns das gern bald fortsetzen!

Suggested Citation

Wieduwilt, Hendrik, Die virtuelle Kanzlei als PR-Schachzug, libra-rechtsbriefing, 30.8.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/die-virtuelle-ka…als-pr-schachzug/

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