Da ging was schief.

Fehler 404.

21.06.2022
Generation Eigenregie
PDF Download

Feedback, Freiheit, fester Arbeitsplatz

Junge Juristen ticken anders. Kanzleien und Rechtsabteilungen müssen sich auf andere Prioritäten einstellen – und ihr Ohr nah an die Referendare legen.

Womöglich braucht es gar nicht so viel, um den Nachwuchs zu begeistern. „Menschlichkeit und freier Freitag – damit kann eine Kanzlei jetzt richtig punkten!“ Das sagt ein Referendar im Gespräch mit Libra. Er steht kurz vor dem zweiten Examen und wird sich angesichts guter Noten, Promotion und vieler offener Stellen seinen Job später aussuchen können. Eigentlich einer, der noch vor Kurzem in eine Großkanzlei gegangen wäre. Jetzt sagt er, Großkanzlei vielleicht, erstmal für zwei, drei Jahre. Eine Partnerschaft interessiere ihn aber überhaupt nicht.

Das sei doch sehr ernüchternd, was man da so höre aus dem Freundeskreis. Anwälte, die bereits Familie haben, stöhnten enorm unter der Belastung. Das wolle er sich nicht antun. Ihm schwebe die Arbeit in einer kleineren Kanzlei, einer Boutique oder in einer Rechtsabteilung vor. Mit geregelten Arbeitszeiten, echten Teilzeitangeboten und richtig anspruchsvoller Arbeit.

Das ist keine Einzelmeinung. Eine Gruppe von 25 in Berlin wohnenden Referendaren, die derzeit vor allem wegen der kürzeren Wartezeiten in Brandenburg und nicht in Berlin ihr Referendariat absolvieren, ist sich ziemlich einig: Keine Lust auf Großkanzlei. Es gebe keinen in der Gruppe, der den Drang habe, dort Karriere zu machen, teilt einer von ihnen mit. Die Arbeitszeiten seien inakzeptabel, aber auch der Umgangston, die Ethik. Cum-Ex, DFB, Volkswagen? Nicht vorstellbar, so sagen einige, sich mit der Bearbeitung solcher Mandate zu befassen. Manche gingen sogar so weit, dass sie mit der Übernahme bestimmter Mandate auf keinen Fall die Gentrifizierung unterstützen oder Unternehmen beraten wollten, die den Klimaschutz missachteten.

Warum sollte der Mentalitätswandel der neuen Generation auch an Juristen vorbeigehen? „Z wie zzzzzzz, schnarch, gähn? Die Generation Z wird mittlerweile als ‘Generation Freizeit’ oder als ‘Generation angenehmes Arbeitsklima’ beschrieben, ja: denunziert“, warnte kürzlich die SZ.

Die Post-Millenials

Die Generation Z, das ist je nach Lesart die Generation derer, die zwischen 1990 und 2012 geboren sind, auch Post-Millenials genannt. Nachfolger der Generation Y. Zumindest Großkanzleien und Justiz haben mit ihr ein echtes Problem. Viele ältere Großkanzlei-Partner fragen sich immer noch leicht verwundert, wo sie nur sind, die Bewerber mit Prädikatsexamina, die für viel Geld unter einem bisweilen cholerischen Chef bis tief in die Nacht ohne planbare Freizeit und Kollegialität schuften wollen.

Manch einer zieht seine Bewerbung schon zurück, wenn er hört, dass es in der Kanzlei seiner Wahl keine verbindliche Home-Office-Regelung gibt. Ein anderer ist nach dem Vorstellungsgespräch zutiefst erschrocken über das steife, distanzierte Auftreten von Partnern: „Die leben in einer anderen Welt. Da hat doch ein Kulturwandel stattgefunden. Den verschlafen die komplett. Keiner von uns will noch so arbeiten, wie die das gemacht haben. Warum auch? Für Geld allein bestimmt nicht!“

Erstaunlich, dass die Anfangsgehälter trotzdem immer weiter steigen. Willkie, Farr & Gallagher zahlt dem Berufseinsteiger in Frankfurt 175 000 Euro. Skadden Arps und Kirkland Ellis liegen dicht dahinter.

„Geld ist schon ein Kriterium. Aber nicht das ausschlaggebende.“

Christiane Hoffbauer von Orth Kluth beobachtet, dass es jüngeren Anwälten um mehr Eigenregie im Leben gehe, dass sie mobil und flexibel arbeiten möchten. „Das Gehalt ist zwar nach wie vor wichtig, aber längst nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium im Einstellungsprozess.“ Die Kanzlei hat daher im letzten Jahr ihre schon vorher bestehenden Home-Office-Möglichkeiten ausgebaut und eine Richtlinie Mobile Arbeit eingeführt. Nach dieser können angestellte Anwälte bis zu zwei Tagen in der Woche in Deutschland mobil arbeiten. Kein Tag ist ausgeschlossen, wie in einigen anderen Kanzleien, die mit dieser Vorstellung noch überfordert wirken: Montag und Freitag im Home Office? Das geht doch nicht! Da zeigt es sich, das fehlende Vertrauen in die eigenen Anwälte: Man nimmt an, wer Montag und Freitag frei nähme, würde für ein langes Wochenende an den Strand fahren.

Die Generationen Y und Z sind weit davon entfernt, faule Dauerurlauber zu sein. Sie wollen richtig gute Leistung erbringen. Und gerade nach Corona haben viele ihre eigenen vier Wände und den nächsten See mit Strand so satt, dass sie gerne ins Büro kommen wollen. Charlotte Beck aus der Kanzlei Altenburg, einer Boutique für Arbeitsrecht, berichtet: „Bewerber haben uns explizit danach gefragt, ob sie sicher sein können, dass sie bei uns auch einen Büroarbeitsplatz bekommen. Nur zuhause oder gemischt mit einem Hot-Desk-Büro wollen sie nicht arbeiten.“

Auch häufiges Feedback sei ihnen sehr wichtig, sagt Beck. Damit liegt die Anwältin richtig: Im Jahr 2018 hat Personalberater Robert Half gemeinsam mit dem Studenten-Netzwerk Enactus mehr als 770 junge Leute in den USA und Kanada der Jahrgänge 1990 bis 1999 nach ihren Vorstellungen von Leben und Arbeiten befragt. Die Ergebnisse seiner Untersuchung räumen mit so manchem Vorurteil über die angeblich arbeitsscheuen Generationen Y und Z auf. „Für die Babyboomer war das Jahresgespräch ganz normal. Die Generation X erwartet mindestens einmal pro Woche Feedback. Manche auch häufiger, aber es geht ihnen noch um einen regelmäßigen Rhythmus. Anders die jungen Generationen: Die Gen Y fordert Feedback, wann immer nötig, und die Gen Z ständig“, schreibt die Computerwoche über Halfs Studie. Und während sich die Babyboomer von Veränderungen bedroht fühlten, rechne die Generation Z mit stetigem Wandel. „Hinzu kommt die hohe und ständige Lernbereitschaft der jungen Generationen. Sie sind mit Technologie aufgewachsen und empfinden sich selbst in einem ständigen Update-Prozess“, lautet ein weiteres Ergebnis der Studie.

Alternative Kanzleikonzepte

Einer, der den Wunsch nach Freiheit und Flexibilität erkannt hat, ist Wolfgang Richter von Gunnercooke. Die Kanzlei verfolgt ein alternatives Kanzleikonzept und ist damit in Großbritannien bereits ziemlich erfolgreich. Die Gunnercooke-Partner rechnen als freie Mitarbeiter ab. Sie finanzieren ihre Teams von den eigenen Einnahmen, können ihre Arbeitszeit und Arbeitsweise frei gestalten. „Wirklich gute Leistung erbringe ich nur, wenn ich selbstbestimmt entscheiden kann. Und zwar so viel wie möglich.“ Richter, der vorher für Luther, DLA Piper und DWF tätig war, sagt, als Anwalt stehe man mitten in der Gesellschaft. Man müsse die nötige Freiheit für Familie, aber auch fürs Unternehmen und für die Mandanten haben. „Top-down ist out. Damit kann man keinen mehr gewinnen. Den strukturellen Zwang, den wir den Anwälten in Großkanzleien auferlegen, haben wir abgeschafft.“

Ganz neu ist das nicht. So gab es in den 80er Jahren in Berlin Kanzleien, die ihre Assistentinnen am Umsatz beteiligten und sie so motivierten, gerne für ihre Kanzlei zu arbeiten und damit insgesamt den Umsatz zu steigern. Aber auch hier hätte das Geld alleine sicher nicht gereicht. Gute Stimmung, kollegiales und freundliches Miteinander – das ist heute gefragter denn je.

Berlin, Berlin

Andere setzen auf die Strahlkraft Berlins. Man sei vom Bewerbermarkt in der Hauptstadt angezogen, der eine vergleichsweise hohe Zahl qualifizierter junger Absolventen und eine relativ geringe Dichte an Großkanzleien aufweise, sagt ein Sprecher von Quinn Emanuel. Die Kanzlei will im Sommer in Berlin ein weiteres deutsches Büro eröffnen.

In der Brandenburger Referendargruppe ist man sich jedenfalls so gut wie einig: erst einmal in eine kleine Kanzlei oder in eine Boutique, vielleicht aber auch dauerhaft. Man kenne sich schon aus der Anwaltsstation im Referendariat und mochte die Stimmung, die Leute, die Arbeit. Die Partner würden so leben, wie es ihnen auch vorschwebe. Zeit für Familie, Hobbies, interessante Arbeit. Genug Geld. Das bestätigt auch Charlotte Beck aus der Kanzlei Altenburg. „Unsere Bewerberlage ist unglaublich gut. In Berlin und Hamburg müssen wir sogar trotz exzellenter Eignung Leute ablehnen.“

Gute Arbeitsbedingungen und Gehälter könnten wohl Rechtsabteilungen ebenfalls bieten. Dennoch plagen sie sich mit Nachwuchssorgen. Wie kommt das? Der Rechtsabteilungsleiter einer der Sparten eines Pharmazie-und Medizinprodukteherstellers hat dafür eine Erklärung. „Nicht nur wir, auch andere Unternehmen haben in den letzten Jahren ihre Rechtsabteilungen stark ausgebaut. Da sind richtig große Teams entstanden. Aber es sind ja nicht auf einmal mehr Juristen auf dem Markt. So haben auch wir manchmal Mühe, gute Stellen zu besetzen.“

Mehr Juristen sind es insgesamt vielleicht nicht, aber die Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK) vermeldete immerhin gerade erst, dass sich immer mehr Volljuristen als Syndikusanwalt oder doppelt zulassen. Zum 1. Januar waren es 739 mehr Syndikusrechtsanwälte und 1079 mehr Rechtsanwälte und Syndikusrechtsanwälte mit Doppelzulassung als im Vorjahr. Die Zahlen bestätigen den Bedarf der Unternehmen. Im Gegensatz dazu sank erneut die Zahl der Anwälte. Die BRAK spricht von „Stillstand bis Rückgang“.

Jura Spitzenreiter

Trotz aller Sorgen: Die Zahl der Juristen ist im vergangenen Jahrzehnt deutlich gewachsen. Waren es 2009 noch 311 000, sind es 2019 schon rund 372 000 Erwerbstätige mit einem Jura-Abschluss. Jura ist auch an den Unis nach wie vor Spitzenreiter: 38 Prozent der Studierenden waren im Studienjahr 2021 für Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eingeschrieben. Statistiken des Bundesjustizamts belegen außerdem, dass auch die Zahl der Abschlüsse einigermaßen konstant bleibt. Es scheint sich allerdings ein Trend abzuzeichnen, dass es weniger werden, die das zweite Examen machen. Jeder Dritte hat übrigens einen Bachelor- oder Masterabschluss erworben und strebt damit zum Beispiel eine Tätigkeit als Wirtschaftsjurist an.

Damit kommen sie für Kanzleien nur bedingt und für die Justiz gar nicht in Betracht. Und ein weiteres Drittel arbeitet fachfremd – also gar nicht juristisch.

 

Foto von Dillon Magnum auf unsplash

Suggested Citation

Helten, Barbara: Feedback, Freiheit, fester Arbeitsplatz, libra-rechtsbriefing, 21.6.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/feedback/

PDF Download