Da ging was schief.

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Foto: Joshua Hoehne auf Unsplash
19.07.2022
Ein Zwischenruf
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Holleri du dödel di – warum ich für das Jodeldiplom bin 

Mein Jura-Studium habe ich auch deshalb an der Universität Potsdam begonnen, weil ich dort parallel zum Staatsexamen den integrierten Bachelor of Laws absolvieren kann. Doppelt hält besser, zumal die Durchfall- und Abbruchsquoten sowie Erfahrungsberichte im Staatsexamen beunruhigen.

Das Ego zu behaupten: “Irgendwie schaffe ich es”, habe ich noch nicht. Viele meiner Kommilitonen übrigens auch nicht. Den Gedanken ans Staatsexamen schiebt man vor sich hin. Im zweiten Semester geht das noch problemlos. An die höheren Semester möchte man gar nicht denken. Uns wird nüchtern – ehrlich fernab jeglicher Panikmache mitgeteilt: Die Zeit vor dem Staatsexamen prüft die psychische Gesundheit – Nervenzusammenbrüche, womöglich flankiert von Trennungen, Isolation und sozialer Abstinenz. Manch ein AG-Leiter stimmt zu Studienbeginn auf die Horrorszenarien während der Examensvorbereitung ein. Das überstanden zu haben, darauf scheinen manche stolz zu sein. Das zeugt mehr von einer verkorksten als von einer progressiven Mentalität.

In einem integrierten Jura-Bachelor kann man den Verfall von Anspruch und Leistungsfähigkeit sehen – oder aber man begreift ihn als zeitgemäße Chance: Für mehr Fokus und weniger Torschlusspanik. Eine Chance darauf, Anerkennung für die Anstrengungen während des Studiums zu erhalten. Eine Chance darauf, motiviert zu bleiben und Schwachstellen während des Studiums und nicht erst knapp vor dem Examen auszugleichen.

Studierende erwarten keine Streicheleinheiten. Man weiß sehr wohl, worauf man sich einlässt, wenn man sich für das Jura-Studium entscheidet. Und falls nicht, bekommt man es schnell mit. Dabei besteht – wie auch von Katharina Boele-Woelki (Bucerius Law School) im FAZ Einspruch-Podcast eingeworfen – keine Gefahr, die Berufsaussichten eines Staatsexamens mit denjenigen eines Bachelors zu verwechseln.

Das klassische Jura-Studium: ein Zeitinvestment mit finanziellen und psychischen Nebenwirkungen

Im Gespräch mit Kommilitonen besteht weitestgehend der Konsens darüber, dass niemand umsonst studiert haben möchte. Man könnte einwenden, dass das Jura-Studium nie eine Fehlinvestition sei. Auf jeden Fall werde man etwas gelernt haben. Klingt konstruktiv, aber angesichts unbezahlter Praktika, steigender Preise und anfallender Studienkosten ist Lernen um des Lernens Willen ein ziemlicher Luxus. Neben den Auswirkungen auf die berufliche Zukunft sollten auch die psychischen Begleiterscheinungen mitgedacht werden. Psychische Gesundheit gilt als Tabu für den beinharten Juristen. Das legen nicht zuletzt Erfahrungsberichte und Studien nahe.

Ein integrierter Bachelor könnte auch für einen gerechteren Zugang sorgen. Das klingt im ersten Moment hochtrabend. In den Grundzügen soll es aber sagen: Jura studieren ist ein elitärer Langstreckenlauf, den sich nicht jeder leisten kann. Schon gar nicht mit der Aussicht, am Ende ohne Abschluss da zu stehen. Diese potenzielle „Zeitverschwendung“ in Kauf zu nehmen, dürfte Studierenden aus gutem Elternhause deutlich leichter fallen als denjenigen, die nebenbei arbeiten müssen, BAföG beziehen oder auf sonstige finanzielle Unterstützung fernab ihrer Eltern angewiesen sind. Die Alarmglocken schrillen nun mal lauter, wenn man sich keine zehn Jahre für berufliche Selbstfindung reservieren kann. Wo das Staatsexamen davon abhalten kann, überhaupt ein Jura-Studium aufzunehmen, kann ein integrierter Bachelor zumindest die Angst vor leeren Händen nehmen.

Mehr als nur ein Plan B

Den Jura-Bachelor ausschließlich als Airbag für studentische Angstszenarien zu verstehen, greift meiner Ansicht dennoch zu kurz. Denn zugleich kann ein Bachelor für sich selbst betrachtet auch Möglichkeiten eröffnen. Beispielsweise dann, wenn man sich mehr für die Wirtschaft begeistert oder einen Masterstudiengang im Ausland wahrnehmen möchte. Nicht jeder will im Justizsystem oder in anderen klassischen juristischen Berufen arbeiten. Viele möchten es sich jedoch offenhalten. Gerade die Begrenzung auf Deutschland, die im klassischen Jura-Studium stärker ausgeprägt ist als in vielen anderen Studiengängen, schreckt so manchen ab.

Erst kürzlich erzählte mir eine Kommilitonin von einem Vortrag an unserer Universität, der sich auch mit den Zukunftschancen eines Bachelors und Masters of Law befasste. Die Möglichkeit, sich mit einem Bachelor international und interdisziplinär aufzustellen, erscheine ihr attraktiver als die Aussicht, in einer mäßig digitalisierten Justiz zu arbeiten, sagt sie. Denn gerade auf dem internationalen Parkett sind auch Abschlüsse neben dem Staatsexamen anerkannt. Lebensläufe fernab der klassisch juristischen Karriere können Studierenden dabei Perspektiven eröffnen, Impulse setzen und statt Scheuklappen neue Wege aufweisen.

Für mich ist der Jura-Bachelor kein Tabu-Bruch, der mit dem Staatsexamen kollidiert. Im Gegenteil: Gerade auf einem globalisierten und dynamischen Arbeitsmarkt bietet er wertvolle Ausrichtungsmöglichkeiten und Anreize für eine flexible Karrieregestaltung.

Suggested Citation

Vogl, Stella, Holleri du dödel di – warum ich für das Jodeldiplom bin, Libra-rechtsbriefing, 19.07.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/jodeldiplom

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