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03.05.2022
Kriegsfotografie
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Bilder als Anklage gegen die Täter

Das Massaker in Butscha hat die Diskussion um Kriegsfotografie erneut entfacht. Dürfen Opfer ins Rampenlicht gezerrt werden, die nicht selbst einwilligen können? Müssen die Gesichter der Verstorbenen verpixelt werden? Oder ist es sogar die Pflicht eines Journalisten, den Krieg in all seinen grausamen Begleiterscheinungen realistisch abzubilden? Ein Überblick.

Putins Soldaten töten, foltern und vergewaltigen. Grausame Berichte werden noch verstörender, wenn den Worten Bilder folgen. Was das konkret bedeuten kann, zeigt die Titelseite der „New York Times“ vom 7.3. dieses Jahres. Unter dem Titel „Outgunned ukraine fends off attacks“ (unterlegene Ukraine wehrt Angriffe ab) ist ein Bild der Fotografin Lynsey Addario zu sehen. Es zeigt großformatig eine getötete Familie, ohne die Gesichter der Personen unkenntlich zu machen. Das Bild der Pulitzer-Preisträgerin löste weltweit eine Debatte darüber aus, wie Reporter:innen vom Krieg berichten dürfen und wo die Grenzen liegen.

Tote darf man nur in Ausnahmefällen zeigen

Laut Medienrechtsanwalt Christian-Oliver Moser verletzten Pressefotos von Toten, die nicht anonymisiert sind, in der Regel deren postmortales Persönlichkeitsrecht. § 22 S. 3 Kunsturhebergesetz (KunstUrhG) regelt, dass grundsätzlich bei Abbildungen von Verstorbenen die Einwilligung der nahen Angehörigen einzuholen sind. Dabei sind nicht zwingend die Erben gemeint, sondern in erster Linie die Verwandten 1. Grades. Das gilt nur, wenn die abgebildete Person in irgendeiner Form erkennbar ist, also nicht, wenn sie etwa mit dem Gesicht zum Boden liegt. „Eine auf dem Bauch liegende Person rettet einen medienrechtlich aber noch nicht, wenn die Person durch andere Umstände erkennbar ist“, sagt Moser. Er spielt auf eine bekannte Entscheidung eines Fußballtorwartes ab, dessen Rücken zwar lediglich zu sehen war, jedoch für die Öffentlichkeit unzweifelhaft erkennbar war. Könnten die Reporter:innen die Einwilligung nicht einholen – weil sie die Angehörigen nicht ausfindig machen – dürften sie Fotos von Toten auch nicht veröffentlichen.

Schwieriger wird das Thema durch § 23 KunstUrhG. Denn bei zeitgeschichtlichen Ereignissen ist die Einwilligung der Angehörigen nicht erforderlich. Aber auch hier muss ein berechtigtes Interesse vorliegen. Und ein solches sieht Moser bei der Abbildung von Toten in einem bloßstellenden Moment überhaupt nicht. Moser: „Der Tote verliert die Menschenwürde aus Art. 1 GG nicht. Die bleibt. Und geht eindeutig verloren, wenn die Bild-Zeitung ein Foto von einem Toten im Gulli zeigt – anfangs unverpixelt, dann schlecht verpixelt.“ Auch wenn es dabei um Zeitgeschichte ginge, hält er das von der Boulevardzeitung verbreitete Foto für einen eklatanten Verstoß gegen das KunstUrhG. Zivilrechtliche Folgen würden aber wahrscheinlich ausbleiben. Denn: wo kein Kläger, da kein Richter.

„Im Nachhinein ein journalistisches Versagen“

Laut Kriegsfotograf Daniel Etter bestehe ein elementarer Unterschied zwischen Aufnahme und Veröffentlichung der Bilder. „Grundsätzlich sollte jeder Fotojournalist mit dem Anspruch an diese Arbeit gehen, alles möglichst umfassend zu dokumentieren“, sagt der Pulitzer-Preisträger. Viele der Bilder würden in Archiven landen, könnten aber später bei der Rekonstruktion der Verbrechen helfen. Kurz nach dem Fall Muammar al-Gaddafis besuchte Etter ein Krankenhaus in Tripolis voller Leichen, offenbar in Folge von Exekutionen. „Ihre Hände waren verbunden. Sie hatten Einschusslöcher in den Köpfen. Die Szenerie war so grausam, dass ich nur wenige Bilder gemacht habe, weil ich sicher war, dass die Bilder nie veröffentlicht werden“, sagt der Fotograf. „Im Nachhinein sehe ich das als journalistisches Versagen.“

Bei der Veröffentlichung tendiere er im Rahmen einer Abwägung zwischen Informationsinteresse und Persönlichkeitsrechten vor allem am Anfang zum Informationsinteresse. „Die Bilder sind nicht der Skandal, sondern die Taten, die sie zeigen.“ Daher müssten die Bilder publiziert werden. Auch er ist vorsichtig, wenn es um erkennbare Gesichter von Toten geht. „Die würde ich nur in absoluten Ausnahmefällen zeigen“, erklärt Etter. Eine klare Linie ziehe er bei entblößten Körpern, Gesichtern von Kindern oder erkennbaren Vergewaltigungsspuren, die Individuen zuzuordnen seien. Auch die Deutsche Welle legt laut Corporate Spokesperson Christoph Jumpelt bei der Bildauswahl ein großes Augenmerk auf den Opferschutz. Traumatisierte Menschen dürften durch die Darstellungen nicht ein zweites Mal zu Opfern werden. „Wir zeigen daher bei der Dokumentation von Kriegsereignissen keine Gesichter von Toten“, sagt Jumpelt.

Momentaufnahmen zwischen Recht und Ethik

Während der Berichtserstattung aus einem Kriegsgebiet Angehörige zu finden und deren Zustimmung einzuholen, sei allerdings in den meisten Fällen schlicht unmöglich. Die Erkenntnis hat auch Kriegsfotograf Etter gemacht. „In meiner Erfahrung wollen die Angehörigen, dass diese Bilder gemacht und gezeigt werden“, berichtet Etter, „Sie sind eine Anklage gegen die Täter“. Das sei der Kern journalistischer Arbeit in Kriegen.

Verbote solcher Aufnahmen seien keine Zensur, meint Medienrechtsanwalt Christian-Oliver Moser. Die Diskussionen um eine Zensur würden in einem falschen Kontext geführt. Eine solche liege durch die Regelungen des Kunsturhebergesetzes nicht vor. „Eine Zensur bedeutet, dass der Staat einseitig Regelungen trifft – aus einem staatlichen Interesse heraus, um bestimmte politische Inhalte durchzusetzen.“ Hier gehe es aber nicht um ein staatliches Interesse, sondern um die Abwägung von Grundrechten. „Meinungs- und Pressefreiheit sind ein ganz wichtiges Gut in einer Demokratie. Aber gerade in einer Demokratie muss auch Art. 1 GG geschützt werden.“ Aufklärung der Gräueltaten durch die Soldaten finde nach deutschem Rechtsverständnis ihre Grenzen in der Menschenwürde.

Dass Recht und Moral auseinanderfallen können, zeigt ein Foto aus dem Vietnamkrieg aus den 70er-Jahren, in dem rund dreimal mehr Zivilisten ums Leben kamen als Soldaten. Die Amerikaner hatten in dem Krieg Napalm-Bomben eingesetzt, die sie wahllos auf die Zivilbevölkerung abwarfen. Das Foto eines entblößten, verbrannten 9-jährigen Mädchens gehört heute zu den ikonografischen Bildern des Vietnamkrieges. Die Bildveröffentlichung löste damals eine Welle der Empörung aus; der darauf folgende Protest gegen den Krieg beschleunigte dessen Ende. „Wenn Sie mich juristisch fragen, ändert der Kontext relativ wenig“, sagt Moser, „aber rein ethisch ist das hinzunehmen, da die Ziele, die verfolgt wurden, überragend wichtig sind“.

Deutscher Presserat appelliert an Redaktionen

Von Recht und Gesetz zu unterscheiden sind die ethischen Regeln, die der Pressekodex beinhaltet. Das zeigt der Fall, in dem eine Einwilligung der Angehörigen vorliegt und dann Tote gezeigt werden: Presseethisch kann das immer noch unzulässig sein, rechtlich nicht. In seiner Pressemitteilung vom 4.4.2022 appelliert der Deutsche Presserat an die Redaktionen, sorgsam zwischen dem Informationsinteresse der Leserschaft und den Interessen von Opfern und deren Angehörigen abzuwägen.

Entscheidungen des Presserats nahmen in der Vergangenheit oftmals einen Verstoß gegen Ziffer 1 und 11 des Pressekodex an, wenn die Menschenwürde dadurch verletzt wurde, dass man in Berichterstattungen Toten oder Sterbenden ins Gesicht schauen konnte. Laut Ziffer 11 des Pressekodex sind Redaktionen angehalten, darauf zu achten, dass Opfer durch die mediale Darstellung nicht zusätzlich herabgewürdigt werden. Der Presserat beanstandete in der Vergangenheit beispielsweise, wenn bestimmte Details von Verletzungen herangezoomt oder menschliches Leid im Video als Dauerschleife gezeigt wurden.

Letztlich stehe jedes Foto für sich, sodass immer eine Einzelfallabwägung getroffen werden müsse, sagt Roman Portack, Geschäftsführer des Presserates. Von Belang sei stets, inwieweit das öffentliche Berichterstattungsinteresse an einem bestimmten Thema, an einem bestimmten Bild bestehe. So hat der Ausschuss im Jahr 2015/2016 Abbildungen syrischer Kinder, die durch Giftgasangriffe gestorben sind, nicht als entwürdigend angesehen. „Die Darstellung war gewissermaßen empathisch und hatte einen hohen nachrichtlichen Wert“, sagt Portack. Auch die ethischen Kategorien des Presserates verlangen in Ziffer 8.2 eine Einwilligung durch Angehörige. Eine identifizierende Darstellung muss danach grundsätzlich unterbleiben, es sei denn, es liegt eine Einwilligung des Abgebildeten oder seiner Angehörigen vor oder es handelt sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens. Stets gilt, die Identität von Opfern besonders zu schützen, wenn die Identität für das Verständnis des Geschehens unerheblich ist. Das Opfer genießt einen besonderen Schutz, da es gegen seinen Willen abgebildet wird. Bei Tatverdächtigen etwa ist der Schutz dagegen ein geringerer.

Nur vereinzelte Beschwerden beim Presserat

Der Pressekodex beinhaltet auch den Schutz der jugendlichen Konsument:innen. Dabei seien Triggerwarnungen – Warnungen zu Beginn verstörender Inhalte – nur begrenzt brauchbar. Portack: „Es gibt keine sichere Triggerwarnung, die verhindern kann, dass jemand trotzdem in Berührung mit den Bildern kommt. Auch ein Alterscheck bringt nichts. Das ist vergleichbar mit dem Alterscheck bei einer Alkoholwerbung. Wenn Jugendliche versichern müssen, dass sie 18 Jahre alt sind, um Alkoholwerbung sehen zu dürfen, versichern sie das eben. Dennoch berücksichtigen die Beschwerdeausschüsse positiv, wenn eine Redaktion den Versuch unternimmt, Kinder und Jugendliche vor Bildern zu schützen, die für sie ungeeignet sind.“ Das Zusammenspiel von Recht und Moral fasst er als konzentrische Kreise zusammen: In der Ethik, in der Moral sei der Regelungsgegenstand zwar weiter als im Recht, dafür seien die Sanktionen weniger hart. Gleichzeitig decke sich der Pressekodex in vielen Bereichen mit dem Äußerungsrecht.

Bislang liegen dem Presserat jedenfalls nur vereinzelt Beschwerden zu Pressefotos aus dem Ukraine-Krieg vor. Über die Berichterstattung von Butscha gibt es noch keine Beschwerden. Kriegsfotograf Etter: „Am Ende müssen die Kolleg:innen einen ganz klaren moralischen Kompass haben, den sie vor sich überzeugt verteidigen können.“

Manchmal liege auch in einem Detail viel Kraft: „Das Foto der Frauenhand mit den lackierten Nägeln, daneben der Schlüsselanhänger in den Farben der EU-Flagge“, erinnert sich der Fotograf. „Das erzählt eine ganze Tragödie von Hoffnung, Rache und sinnlosem Tod.”

Photo: Max Kukurudziak auf Unsplash

Suggested Citation

Schlicker, Marie-Luise: Bilder als Anklage gegen die Täter, libra-rechtsbriefing, 3.5.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/kriegsfotografie/

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