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Bild: Robynne Hu auf Unsplash
23.08.2022
Legal Tech
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Legal Tech an Unis: Mangelnde Nachfrage der Kanzleien

Derzeit sind Kenntnisse über Legal Tech in der Ausbildung mehr Bonuspunkt als Bedingung, doch die Erwartungen gegenüber Berufseinsteigern wachsen. Die Universitäten reagieren jedoch auch auf die Nachfrage – und da liegt die Verantwortung bei den Kanzleien. 

Der Begriff Legal Tech elektrisiert Konferenzen, die Anwaltschaft und Technologie Anbieter. Wie gut sind die Universitäten hier aufgestellt? Sie stehen eher am Anfang, das betrifft die Digitalisierung des Justizsystems im Allgemeinen und Legal Tech-Angebote an Universitäten im Besonderen. Wohl auch deshalb definiert Ferdinand Wegener, Chefredakteur für die Studenteninitiative Legal Tech Lab Cologne, den Begriff großzügig: „Für mich ist es eine weite Definition, die alles umfasst, was Digitalisierung und Recht verbindet“. Anders als bei einer unnötig starken begrifflichen Beschränkung vorab könnten so weitere Entwicklungen in der Gesellschaft mitbedacht werden.

Wegener setzt auf einen sanften Einstieg: „Ein Startpunkt, für den wir schon lange plädieren, ist, gängige Fragestellungen aus der Juristerei in Sachverhalte zu übertragen, die einen Digitalisierungsbezug aufweisen.“ Das heißt ganz konkret, dass beispielsweise ein Kaufvertrag über Internetportale abläuft oder man sich mit Rückgaben bei Amazon befasst, kurzum damit, „was in der Praxis gang und gäbe ist“.

Eine Frage weniger Engagierter

Die „Anwendung und Nutzung von IT-Tools“ verortet er eher als Angelegenheit der Praxis – nicht zuletzt wegen der hohen Lizenzkosten. Dennoch tragen die Universitäten aus seiner Sicht eine Verantwortung, wenn es um die Vermittlung von Offenheit gegenüber Legal Tech geht. Mit Blick auf die Bestrebungen unter den Lehrenden sei laut Wegener eine Bereitschaft für „kleinere Projekte auf jeden Fall da – große Bestrebungen, den Lehrplan anzupassen, gibt es dagegen weniger“.

Hier zeigt sich: Legal Tech knüpft vor allem durch einzelne engagierte Studierende zarte Bande an Universitäten. Zwar bieten die Universität Passau und die Universität Regensburg einen Bachelor- oder Masterstudiengang zu Legal Tech an, in der klassischen juristischen Ausbildung sind Angebote zu Legal-Tech allerdings freiwillig. Das wirft die Frage auf, ob vielleicht gerade in diesen Kompromissen eine Ursache dafür liegt, dass die Digitalisierung im Juristenwesen eher schleppend verläuft.

Privatdozent Martin Fries hält unter anderem an der LMU München Lehrveranstaltungen zu Legal Tech  und begründet die Zurückhaltung an deutschen Universitäten so: „Das hängt vielleicht damit zusammen, dass man in der rechtswissenschaftlichen Ausbildung bisweilen skeptisch gegenüber Neuem ist. Das meine ich gar nicht mit einem bösen Unterton, sondern es ist vermutlich gar keine schlechte Idee, eine Materie zunächst gründlich zu durchdringen, bevor man sie in das Curriculum aufnimmt.“ Das Selbstbild der Universitäten stütze sich eben auf dasjenige einer Wissenschaftseinrichtung, wohingegen die Praxis-Ausbildung dem Referendariat obliege.

Niedrige Erwartungen aus der Praxis

Apropos Praxis: Was wird eigentlich dort von Berufseinsteigern erwartet? „Bei den Kanzleien merken wir, dass diese Themen in der Praxis schon total präsent sind und man wundert sich etwas, dass das in der universitären Welt noch keine oder nur eine untergeordnete Rolle spielt“, sagt Wegener.

Fries beurteilt dennoch Kenntnisse im Legal Tech Bereich noch nicht als Voraussetzung: „Ich glaube, so richtig notwendig, um in den Berufsmarkt reinzukommen, ist es kaum.“ Gleichzeitig stellt er aber fest: „Wer erkannt hat, was man mit der Digitalisierung so alles veranstalten kann, der wird überall erfolgreicher sein, weil er unternehmerischer denkt und häufiger überlegt, was seinen Kundinnen und Kunden wichtig ist.” Insofern sei die Digitalisierung für ihn auch „eine Methode, um mit dem Recht näher an die Menschen heranzukommen“.

So werde Legal Tech früher oder später nicht nur finanzielle Entlastung bieten, sondern auch den Zugang zum Recht erleichtern: „Wenn Anwältinnen und Anwälte sowie Gerichte mit digitaler Hilfe arbeiten, dann arbeiten sie wesentlich schlanker und kostengünstiger. Durch diese Absenkung der Rechtsanwendungskosten sinken natürlich auch die Preise für Rechtsdienstleistungen und das wiederum nützt denjenigen, die ihre Rechte durchsetzen möchten.“

Ähnlich sieht es Rechtsanwalt Oliver Schwarz von ADVANT Beiten. Die Kanzlei organisiert gemeinsam mit der Universität Potsdam das Format Smart Room „Legal Tech”. Viele Kanzleien seien in der Digitalisierung noch nicht so weit, dass sie in diesem Bereich konkrete Erwartungen an die Absolventen stellen würden. „Es ist aber sicherlich ein Plus.“

Eine Frage der Einstellung

Um das Potenzial von Legal Tech zu erkennen und zu nutzen, sind allerdings nicht nur entsprechende Angebote und Initiativen an Universitäten, sondern auch eine grundlegende Offenheit gefragt. Wer die Digitalisierung in Angriff nehmen und Legal Tech – in welchem Maß auch immer – in die juristische Ausbildung integrieren möchte, muss interdisziplinär denken und arbeiten können. Schwarz beschäftigt weniger die Frage nach der genauen Ausgestaltung von Legal Tech an deutschen Universitäten als vielmehr ein Umdenken: „Interdisziplinäre Teamarbeit ist für Juristen noch nicht alltäglich.” Dabei komme es gerade darauf an: „Es ist eben nicht so, dass Juristen programmieren könnten und Informatiker plötzlich Jura könnten.“

Was stattdessen zähle: „Wie können wir die Art, wie wir in Anwaltskanzleien arbeiten so verändern, dass wir vieles, was wir bisher in althergebrachter Weise bearbeitet haben, künftig eben effizienter und dann eben auch unterstützt durch Legal Tech machen können.“  Die Zusammenarbeit zwischen Juristen und Experten anderer Fachrichtungen habe sich noch nicht flächendeckend in den Köpfen manifestiert. Das liege auch an einem einseitig geprägten Umfeld.

„Alle Anwaltskanzleien, unabhängig ihrer Rechtsformen, gehören wiederum Anwälten”, sagt Schwarz, „die Gesellschafter sind letztlich immer Anwälte“. Das begünstige in der globalen Wirtschaft betrachtet eine merkwürdige Situation und befördere auch die Einstellung: „Wir sind die Krone der Schöpfung“. Dabei sei gerade diese Kommunikation auf Augenhöhe „auch ganz heilsam“, um zu begreifen, „dass es Leute gibt, die einfach von bestimmten Dingen viel mehr verstehen als wir Juristen“. Bei diesen Leuten handelt es sich um Informatiker, aber auch um neue Berufsbilder, die sich aus den technologischen Entwicklungen heraus entwickelt haben. So würden Legal Engineers als „Übersetzer zwischen den Juristen und der Denkwelt von Software-Architekten“ fungieren. Trotz dieser neuen Schnittstellen bleibe die Arbeit im Team mit Juristen und Informatikern bestehen, nur sei es eben „eine sehr zentrale Rolle, die diese verschiedenen Kulturen zusammenbringt“.

Für die einen Bedrohung, für die anderen Wandel

An dieser Stelle knüpft auch Fries an. Was manche als Bedrohung für den eigenen Arbeitsplatz wahrnehmen, bezeichnet er als einen „Wandel, der überkommene Berufsbilder langsam verdrängt, dabei aber auch neue Berufsbilder schafft“.

Ganz gleich, ob es sich um ein berufliches Nebeneinander oder die Weiterentwicklung des eigenen Berufsbildes handelt, ist Reaktionsfähigkeit ein ausschlaggebendes Kriterium dafür, um der digitalen Zeitwende nicht hinterherzuhinken, sondern diese aktiv mitzugestalten. Die Digitalisierung als „faktische Rahmenbedingungen“ lasse sich nicht mehr so einfach wegdenken, stellt Martin Fries klar. Und auch die berufsübergreifende Zusammenarbeit sieht er im Kommen. So ermögliche eine neue Regelung der Bundesrechtsanwaltsordnung seit dem 1. August, dass Kanzleien nicht nur mit Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern, sondern mit allen Freiberuflern besetzt werden können. Das heiße mit Blick auf den Legal-Tech-Bereich auch, dass man mit einem Programmierer eine Kanzlei eröffnen könne.

Zeiten ändern sich und das macht sich auch in den Einstellungen der Studierenden bemerkbar. Dabei zieht Schwarz folgende Bilanz: Zu seinen Studienzeiten ging man davon aus, sein Berufsleben so zu verbringen „wie die Menschen, die einen ausgebildet haben.“ Heute sei dies ein „Trugschluss“, dessen sich die Generation zukünftiger Juristen mit Blick auf die kommenden 20, 30 Jahren durchaus bewusst sei.

Spätestens dann wird sich zeigen, ob die Anpassungsfähigkeit an Universitäten ausreichend war, um den wachsenden Anforderungen aus der Praxis gerecht zu werden.

Vogl, Stella, Legal Tech an Unis: Mangelnde Nachfrage der Kanzleien, libra-rechtsbriefing, 23.8.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/legal-tech-an-unis

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