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06.12.2022
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Rechtspsychologie erleichtert Me-Too-Investigations

Me-Too-Investigations in Unternehmen erfordern grundlegende rechtspsychologische Kenntnisse. Die juristische Ausbildung sollte sich in Zukunft auch wichtigen Soft Skills widmen.

Diskussionen über sexuelles Fehlverhalten haben einen festen Platz im öffentlichen Diskurs eingenommen. Die Sensibilität für sexistisches, beleidigendes oder erniedrigendes Verhalten am Arbeitsplatz ist – glücklicherweise – größer denn je. Untersuchungen, die solche Vorwürfe aufarbeiten sollen, „Me-Too-Investigations“, haben in diesem Zug stark an Bedeutung gewonnen. Dabei steht für alle Beteiligten sehr viel auf dem Spiel. Um hier keinen Fehler zu machen, müssen Unternehmen und Berater:innen nicht nur komplexe rechtliche Regelungen im Auge behalten – Me-Too-Investigations erfordern neben viel Fingerspitzengefühl auch Wissen, das in der juristischen Ausbildung bisher (sträflich) vernachlässigt wird: Grundlegende Kenntnisse der Rechtspsychologie.

Whistleblower-Hinweise gehen überwiegend zu Belästigungen ein 

Die #MeToo-Bewegung war und ist Ausgangspunkt für ein gesellschaftliches Umdenken: Weltweit treten Betroffene an die Öffentlichkeit. Über Jahrzehnte unerkannt (oder unbeachtet) gebliebene Missbrauchskomplexe werden aufgedeckt und aufgearbeitet. Auch der breiten Öffentlichkeit werden Details zu den dahinter stehenden Machtstrukturen bekannt – etwa durch die Netlix-Serien „Athlete A“ oder „Jeffrey Epstein: Filthy Rich“. Noch nie war das Bewusstsein für die Omnipräsenz (patriarchischer) Machtstrukturen höher – und noch nie war die Toleranz gegenüber entsprechendem Verhalten niedriger.

Gerade der eigene Arbeitsplatz ist insofern ein gefahrgeneigter Ort: Die Menschen in Deutschland verbringen nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes etwa die Hälfte ihrer wachen Zeit am Arbeitsplatz. Es liegt daher nahe, dass sich dort nicht nur einvernehmliche intime Beziehungen entwickeln, sondern auch sexuelles Fehlverhalten seinen Ursprung findet. Hinzu kommt, dass den meisten Arbeitsplätzen hierarchische Strukturen geradezu immanent sind. Das kann zu persönlichen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten führen. Vor dem Hintergrund des verstärkten Bewusstseins für den Missbrauch solcher Abhängigkeiten, überrascht es nicht, dass sich bereits jetzt die meisten Hinweise von Whistleblowern um Belästigungen am Arbeitsplatz drehen. Dass Whistleblower demnächst gesetzlich stärker geschützt sein werden als je zuvor, wird diesem Trend voraussichtlich weiteren Auftrieb geben. Gleichzeitig ist die Bereitschaft von Unternehmen gewachsen, solchen Meldungen auch nachzugehen – wohl nicht zuletzt, um ihre ESG-Compliance (Environment, Social, Governance) zu erhöhen.

Unternehmensreputation kann von „Me-too-Investigation“ abhängen

Für Betroffene wie Beschuldigte steht bei einer internen Untersuchung häufig nicht weniger als die eigene berufliche Zukunft auf dem Spiel. Aber auch Unternehmen haben viel zu verlieren – etwa, wenn sie auf Vorwürfe falsch reagieren. Arbeitgeber:innen trifft eine Fürsorgepflicht für ihre Beschäftigten, in deren Rahmen sie Vorwürfe von sexuellem Fehlverhalten am Arbeitsplatz aufklären, Betroffene schützen und begünstigende Strukturen beseitigen müssen. Ergreifen Unternehmen entgegen § 12 AGG keine Maßnahmen zum Schutz ihrer Beschäftigten – etwa vor übergriffigen Arbeitskolleg:innen – , können sie sich schadensersatzpflichtig machen.

Noch abschreckender dürften allerdings die Reputationsschäden sein, die im Falle der Konfrontation mit Me-Too-Vorwürfen drohen. Niederländische und US-amerikanische Sozialpsychologen haben herausgefunden, dass bereits ein einziger Vorwurf sexuellen Fehlverhaltens in der öffentlichen Wahrnehmung den Eindruck erwecken kann, in dem Unternehmen sei es um Geschlechtergerechtigkeit schlecht bestellt. Derartige Vorfälle werden danach als Indikator für unternehmenskulturelles Gesamtversagen gedeutet. Die Studie zeigt aber auch, dass reputative Schäden durch eine „vorbildliche Reaktion“ erheblich minimiert werden können: Leitet ein Unternehmen unverzüglich eine sorgfältige und transparente Untersuchung ein, ist sogar eine vollständige Rehabilitierung möglich. Das Image eines Unternehmens kann also davon abhängen, wie erfolgreich es eine Me-Too-Investigation durchführt.

Rechtspsychologie als Erfolgsfaktor

Regelmäßig stellen sich bei Me-Too-Investigations eine Vielzahl von komplexen rechtlichen Fragen. Dürfen etwa zwischen Betroffenen und Beschuldigten ausgetauschte WhatsApp-Nachrichten untersucht werden, wenn Betroffene diese zur Verfügung stellen? Welches Recht gilt, wenn eine US-amerikanische Chefin ihren deutschen Angestellten bei einem Zwischenstopp im Flughafen von Dubai belästigt?

Dass sich Jurist:innen rechtlichen Herausforderungen stellen, ist nichts Ungewöhnliches. Bei einer Me-Too-Investigation sind jedoch zusätzlich zwischenmenschliche Herausforderungen zu bewältigen, die für viele zunächst unbekanntes Terrain darstellen dürften: Die Untersuchungen befassen sich mit hochsensiblen Ereignissen, deren Thematisierung für Betroffene teils starke Schamgefühle auslösen. Nicht selten sind sie traumatisiert, weshalb es ihnen schwerfällt, über Erlebtes zu berichten. Der Umgang mit solchen Situationen ist ein neuralgischer Punkt in jeder Me-Too-Investigation – nicht nur für deren Erfolg, sondern auch für das Wohlbefinden von Befragenden und Befragten.

In internen Ermittlungen gibt es – wie in der Strafprozessordnung auch – keine Rechtspflicht zu einer Wahrheitsermittlung um jeden Preis. Die Interviewer:innen müssen sich auf heftige Reaktionen der Befragten einstellen und im Einzelfall spontan abwägen können, wann sie welche Frage auf welche Weise stellen  können, ohne bei den Betroffenen Belastungen (gegebenenfalls sogar mit Krankheitswert) auszulösen und Traumata zu vertiefen. Wer über rechtspsychologische Kenntnisse verfügt, wird eher erkennen, wann diese Grenze erreicht ist. Rechtspsychologisch geschulten Interviewer:innen fällt es darüber hinaus leichter, Vertrauen zu den Befragten aufzubauen und die Befragung von vornherein belastungsarm zu führen.

Fachkundig geführte Interviews dienen aber nicht nur dem Schutz von Betroffenen, sondern führen in der Regel auch zu besseren Ergebnissen. Sie helfen dabei, Aussagehemmnisse zu überwinden und den Abruf von Erinnerungen zu fördern, ohne die Ausführungen (unbewusst) in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Ein Verständnis von der Funktionsweise kognitiver Verzerrungen (sogennante biases) hilft den Interviewer:innen, solche Verzerrungen bei sich selbst zu erkennen und deren Effekte zu minimieren.

Der juristischen Ausbildung fehlen Soft Skills

Rechtspsychologische Kenntnisse sind also ein entscheidender Faktor für den Erfolg einer Me-Too-Investigation. Auch in vielen anderen juristischen Tätigkeitsfeldern liegen die Vorteile einer entsprechenden Ausbildung auf der Hand – das gilt nicht nur für Anwält:innen, sondern auch für Richter:innen und Staatsanwält:innen. Dennoch wird die Vermittlung von rechtspsychologischen Grundkenntnissen in der juristischen Ausbildung eher stiefmütterlich behandelt. Zwischen Streitigkeiten akademischer Natur über Erlaubnistatbestandsirrtum und Putativnotwehrexzess finden wichtige Soft Skills kaum Raum. Aktuell bleibt Berater:innen daher nichts anderes übrig, als sich selbst um Fortbildungen und Qualifikationen zu bemühen. Es wäre mehr als erfreulich, wenn sich die juristische Ausbildung in Zukunft näher an der Realität ausrichten würde.

Suggested Citation

Babucke, Lea, May, Malte, Rechtspsychologie erleichtert Me-Too-Investigations, libra-rechtsbriefing, 6.12.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/me-too-investigations/

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