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30.08.2022
Urheberrecht
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Was ist eigentlich ein Pastiche?

Der Anwalt Till Kreutzer aus der Kanzlei iRights.law hat sich im Auftrag der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) tief in ein Exotikum des deutschen Urheberrechts gebohrt: Uns liegt sein Gutachten zum neuen „Pastiche”-Begriff des § 51a Urheberrechtsgesetzes vor. Der Gesetzgeber reagierte damit auf Internetkultur und ein verschärftes Urheberrecht. Die Konturen dieses selten gehörten Begriffs sind allerdings unklar. 

Was ein Pastiche genau ist, darüber herrsche wenig Einigkeit, schreibt Kreutzer zu Beginn. Er legt deshalb die gesetzgeberische Intention zugrunde: „Die Pastiche-Schranke dient hiernach dem Schutz der Meinungs- und Kunstfreiheit sowie der sozialen Kommunikation.” Zudem müsse die Regelung die Belange von Kreativen in Einklang bringen.

Man sieht es dem Gesetzentwurf nicht sofort an, aber letztlich steht im Mittelpunkt die bunte, mal witzige, mal alberne Kommunikationskultur des Internets – „immitierende und anlehnende Kulturtechniken” etwa und insbesondere „Remix, Meme, GIF, Mashup, Fan Art, Fan Fiction oder Sampling”. Was für ungeübte Ohren wie eine „Jugendwort des Jahres”-Liste klingt, betrifft meist Urheberrechte. Fotos, Comics, winzige Filmausschnitte, aber auch Sounds sind die Grundlage von Pastiches.

Es geht um den “inneren Abstand”

Doch das sind nur Beschreibungen – Kreutzer liefert auch die Definition, die im Gesetz fehlt:

„Ein Pastiche ist ein eigenständiges kulturelles und/oder kommunikatives Artefakt, das sich an die eigenschöpferischen Elemente veröffentlichter Werke Dritter anlehnt und sie erkennbar übernimmt.“ 

Die Eigenständigkeit ist wesentlich. Eigenständig ist das Artefakt, „wenn es trotz der Entlehnung(en) im Vergleich zum Quellmaterial eine eigene geistig-ästhetische Wirkung aufweist”. Es müsse also anders wirken als die entlehnten Werke.

Diesen „inneren Abstand” gewönnen Pastiches durch Änderungen der Aussage, etwa antithematische, satirische Nutzungen, andere Sinnzusammenhänge oder Rekontextualisierungen – letzteres wäre etwa ein Meme.

Memes sind einfacher als Remixe

Kreutzer hält die Pastiche-Schranke auch gegen das Licht des berühmten 3-Stufen-Tests der InfoSoc-Richtlinie. Dieser Test besagt im Groben: Urheberrechtliche Schranken müssen sich auf Sonderfälle begrenzen, die Kopien dürfen die Werkauswertung nicht beeinträchtigen oder dem Urheber unzumutbar sein. Die in der Öffentlichkeit besonders heiß debattierten Memes sieht Kreutzer hier auf gesichertem Terrain, da der „innere Abstand” in aller Regel in der Natur von Memen liegt. Musikstücke einfach in eine andere Tonart zu übersetzen sei dagegen noch kein „Remix” – hier fehle dann der „innere Abstand”.

Recht liberal zeigt sich Kreutzer bei Fan Fiction: Dieses Fortspinnen geschützter Werke wirke sich „wirtschaftlich eher positiv auf die Erwerbsmöglichkeiten am Quellmaterial” aus, meint der Jurist. „Eine gute Fankultur ist Werbung und kein Parasitentum, das die Einnahmen des Rechteinhabers mindern würde.” Darüber dürfte noch zu streiten sein: Harry Potter-Autorin J.K. Rowling sieht das wohl genauso, sie billigt „Fan Fiction”. Doch andere Mega-Franchises, wie etwa Paramount, Rechteinhaber von Star Trek, sind da deutlich rigoroser. Wer die urheberrechtlichen Debatten des Internetzeitalters ein wenig verfolgt hat, weiß: Es geht oft eher ums Prinzip denn ums Geld, um Werkherrschaft und dann erst um den Umsatz.

Streitfrage Interessenausgleich

Ähnlich sieht es beim Sampling (etwa im Hiphop) aus: Das schmälere die Absatzmöglichkeiten nicht, schreibt Kreutzer. Auch das mag sein, hat aber den Endlosstreit um „Metal auf Metal” gerade nicht verhindert – diese jahrelange Auseinandersetzung ist ausdrücklich ausschlaggebend für die Pastiche-Regelung.

Voraussichtlich werden auf der Ebene des Interessenausgleichs die künftigen Rechtsstreitigkeiten entschieden. Kreutzers Gutachten wird jedoch helfen, den ersten Prüfungsschritt, das Tatbestandsmerkmal „Pastiche”, schneller zu bewältigen.

Das uns vorliegende Gutachten wird demnächst auf den Seiten der Gesellschaft für Freiheitsrechte (GFF) veröffentlicht.

Suggested Citation

Wieduwilt, Hendrik, Was ist eigentlich eine Pastiche?, libra-rechtsbriefing, 30.8.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/pastiche/

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