Da ging was schief.

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Foto: Stella Vogl
18.10.2022
Schülergerichte
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Erst gestehen, dann einen Comic zeichnen

Schülergerichte wie der Munich Teen Court suchen nach den richtigen Maßnahmen für jugendliche Straftäter. Statt die Urteilsverkündung und Rollenverteilung einer Gerichtsverhandlung zu simulieren, verfolgt das Kooperationsprojekt der Münchner Staatsanwaltschaft und des Brücke München e. V. einen eigenen Ansatz. Ein Besuch.

An dem großen dunkelbraunen Tisch, zwischen Büropflanzen, spielt sich alles ab. Hier in den Räumlichkeiten der Brücke München verkündet ein Gericht” nicht Sanktionen oder Urteile, sondern erzieherische Maßnahmen. Jugendstraftäter im Alter von 14 bis 20 Jahren sitzen Gleichaltrigen wie Nora El Shershaby und Luis Hofmann gegenüber. Die beiden Oberstufenschüler des Erasmus-Grasser-Gymnasiums treten als sogenannte Gremiumsschüler am Munich Teen Court auf. Inspiriert von einem U.S.-amerikanischen Vorbild setzen sie sich dort auf ehrenamtlicher Basis mit leichten bis mittelschweren Jugend-Delikten auseinander. Die Teilnahme ist freiwillig, dennoch gebe es kaum Fälle, in denen der Beschuldigte die Möglichkeit auf eine Sitzung vor dem Munich Teen Court ablehne, sagt El Shershaby.

Es geht mal um Diebstahl, mal um Beleidigungen gegenüber einem Polizeibeamten oder auch leichte Körperverletzungen. Die Staatsanwaltschaft München I. vermittelt die Fälle. Zu dem Zeitpunkt sind die Ermittlungen abgeschlossen und ein Schuldeingeständnis liegt bereits vor. Aufgabe der Gremiumsschüler ist es nun, eine angemessene Maßnahme zu erarbeiten. „Wir sind alle in einer Whatsapp-Gruppe und können uns über Doodle in eine Liste eintragen”, erklärt Hofmann, dort würden auch die Termine eingestellt.

Auf Augenhöhe unter Gleichaltrigen

Zwar komme durch das Alter ein familiäres Gefühl auf, gleichzeitig wahren die Gremiumsschüler ausreichend Abstand, sagt Hofmann. Auf den Einwand, ob ein ähnliches Alter nicht auch zu weniger Respekt führen könne, antwortet El Shershaby: „Häufiger überwiegt das Gefühl, dass wir ernst genommen werden.” Außerdem steht hinter dem Teen Court die Staatsanwaltschaft, da bekämen die Jugendlichen durchaus das Gefühl, dass die Sache nicht auf die leichte Schulter, sondern ernst zu nehmen ist”, meint Hofmann. Die Gleichaltrigkeit habe auch Vorteile: Man probiert vielleicht auch viel aus und kann sich einfach besser hineinversetzen und dementsprechend auch eine bessere Maßnahme finden.”

Wer vor den Munich Teen Court kommt, nimmt erst einmal an einem Vorgespräch mit dem Brücke München e. V. teil. Dort geht es darum, wie die Gremiumssitzung abläuft und dass die Schweigepflicht vorliegt, damit der Mensch weiß, dass er geschützt ist”, erklärt Nina Zikeli, Sozialpädagogin bei der Einrichtung. Dabei könne auch ein Elternteil anwesend sein, was bei der Gremiumssitzung nicht mehr der Fall sei. Die Vorbereitung der Gremiumsschüler finde in Schulungen statt, auch die Staatsanwaltschaft gebe dabei Hinweise. Zum Programm gehören Frage- und Gesprächstechniken und Rollenspiele. Dabei erarbeiten wir einen Katalog von möglichen Maßnahmen, die die Gremiumsschüler*innen den Beschuldigten geben können.”

Fernab der Rollenverteilung am Gericht

Am Tag der Gremiumssitzung trifft der Beschuldigte auf drei Schüler und eine Vertretung der Brücke München, die sich allerdings im Hintergrund hält. Die Brücke München diene als Backup, sagt Zikeli, als stiller Begleiter des Ganzen”. Der Peer-to-Peer Ansatz” dürfe nicht gestört werden: Der Beschuldigte soll sich mit Gleichaltrigen über seine Tat austauschen, ohne dass der Finger erhoben wird.

Anders als bei Gerichten sind die Rollen am Teen Court nicht klassisch auf Richter, Verteidiger und Staatsanwaltschaft verteilt, sondern die Gremiumsschüler arbeiten zusammen. Es gebe allenfalls eine Gesprächsführung, erzählt El Shershaby. Der Fall selbst wird den Gremiumsschülern erst kurz vor der Sitzung zugetragen. „Dann erfahren wir auch meistens das erste Mal, also wirklich zehn Minuten vorher, was die Person überhaupt begangen hat”, sagt Hofmann. Anschließend ginge man auf das Delikt im Detail ein, wodurch die Sitzung zwischen 30 und 45 Minuten dauere.

Beschuldigte bekommen Vorschlagsrecht

Noch am selben Tag verkündet das Schülergremium die Maßnahme. Dafür erhalten beide Seiten eine kurze Bedenkzeit. Wenn sie alle notwendigen Informationen gesammelt hätten, dürfe die Person draußen noch einmal fünf bis zehn Minuten Platz nehmen – „meistens auch mit dem Auftrag, selber etwas zu finden, was sie für gerechtfertigt hält”, sagt Hofmann. Eine wichtige Rolle spielen dabei Hobbys und Interessen. Zumeist handelt es sich bei den getroffenen Maßnahmen um Reflexionsberichte.

Erstaunlich sei nach Zikeli, dass  sie in der letzten Zeit viele künstlerische Maßnahmen verkündet hätten, etwa die Gestaltung eines Flyers zum Thema „Warum gibt es für Alkohol eine Altersbeschränkung?” Ein anderes Mal sollte ein Täter einen Comic zeichnen. Wichtig sei, „zu sehen, dass man sich Mühe gegeben hat und dass man es ernst nimmt”, sagt El Shershaby. Das sei bei ihr immer der Fall gewesen sonst, so ergänzt Zikeli, ginge der Fall zurück an die Staatsanwaltschaft. Das gelte ebenfalls bei unehrlichem Verhalten: Fehle Aufrichtigkeit und sei dadurch ein Vertrauensverlust begründet, so könne der Fall theoretisch jederzeit zurückgegeben werden, stellt Hofmann klar.

Teen Courts sind nicht unumstritten: Manche stört das Machtgefälle, andere meinen, viele der abgehandelten Fälle kämen eigentlich mit einer schlichten Einstellung durch die Staatsanwaltschaft aus, wie LTO vor einer Weile berichtete. Immerhin, das Projekt übt den sozialen Umgang. Das fängt bereits bei der Sprache an. So beschreibt Hofmann, dass gerade der Kontakt zu Jüngeren eine andere Wortwahl erfordere, „um sie mehr abzuholen, mehr einzubinden, ihnen wirklich auch das Gefühl zu geben: Das ist hier nicht einfach Maßnahme und fertig”. El Shershaby beeindrucken die Schilderungen der Beschuldigten und die „vielen verschiedenen Perspektiven”.

Diese Erfahrungen prägen. Während El Shershaby schon vor dem Projekt Jura für sich entdeckt hat, kam Hofmann dadurch erst auf den Geschmack: Er will jetzt Jura studieren.

Suggested Citation

Vogl, Stella, Erst das Geständnis, dann einen Comic zeichnen, libra-rechtsbriefing, 18.10.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/schuelergerichte/

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