Da ging was schief.

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18.10.2022
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Das Staatsexamen verdient eine echte Zweitkorrektur

Juristisches Roulette: Examensklausuren werden mitunter sehr subjektiv bewertet. Helfen könnte ein echtes Vier-Augen-Prinzip.

Wer sich die Bewertung seiner Examensklausuren ansieht, kennt es: Das Erstvotum wirkt zwar mitunter phrasenhaft, aber auf die konkrete Klausur bezogen und ausführlich begründet. Die Suche nach dem Zweitvotum führt häufig nicht zu einer ebenso ausführlichen Begründung – sondern zu einem knappen „Einverstanden!“ oder „Stimme zu“, flankiert von der Unterschrift des Zweitkorrektors.

Teilweise stehen am Rand der Klausur keine oder kaum Anmerkungen des Zweitkorrektors. Gerade in solchen Fällen mag sich dem Klausurbearbeiter der Gedanke aufdrängen, die Zweitkorrektur sei nicht mit einer Sorgfalt erfolgt, die der Bedeutung von Examensklausuren gerecht wird.

Bereits der „böse Schein“ kann schaden

Unabhängig davon, ob diese Einschätzung zutrifft, ist bereits der entstehende Eindruck schädlich: Er kann zu einem Vertrauensverlust in die juristische Ausbildung beitragen. Wer ein juristisches Staatsexamen schreibt, ist sich bewusst, wie subjektiv die Beurteilung von Jura-Klausuren ist.

Anders als bei Prüfungen in den Hard Sciences kann die Beurteilung derselben juristischen Leistung durch zwei unterschiedliche Korrektoren ohne Weiteres um mehrere Punkte abweichen. Viele Examenskandidaten konnten diesen Effekt schon selbst beobachten, etwa im Rahmen von Remonstrationen oder auf Grund allzu kollegial verfasster Hausarbeiten.

Dieser Umstand bezeugt allerdings weder eine fehlende Qualifikation der Korrektoren, noch deren fehlenden „Berufsethos“. Er ist vielmehr im System angelegt: In der Rechtswissenschaft ist Vieles vertretbar – und welche Ausführungen nun „fernliegend“ und welche zumindest der Vollständigkeit halber anzusprechen sind, liegt häufig im Auge des Betrachters. Um dennoch Prüfungsgerechtigkeit herzustellen, bedarf es besonderer organisatorischer Vorgaben im Korrekturverfahren. Kurzum: Es braucht ein echtes Vier-Augen-Prinzip bei der Bewertung von Examensklausuren.

Die Einflüsse des Erstvotums

Keine der 16 Landesregelungen zur Bewertung von Aufsichtsarbeiten schreibt aktuell vor, dass die Beurteilungen des Erstkorrektors dem Zweitkorrektor nicht mitgeteilt werden dürfen. In Nordrhein-Westfalen und Bayern wird zumindest klargestellt, dass die zwei Korrektoren je eine „selbstständige“ Bewertung vornehmen. In Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern hingegen sind die Voten des Erstkorrektors zwingend weiterzuleiten.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass die Zweitkorrektoren der Versuchung widerstehen, sich dem Erstvotum anzuschließen, ohne sich mit der Klausurlösung vertieft auseinanderzusetzen, birgt dieses Vorgehen eine Gefahr. Denn ein Großteil der Zweitkorrektoren dürfte zu Beginn der Korrektur einen Blick auf das Erstvotum werfen – das ist auch verständlich, denn so weiß man schon, worauf man sich in etwa einstellen muss. Sollten die Prüfer auch diesem Impuls widerstehen, so stoßen sie doch kurz später auf die Randbemerkungen des Erstkorrektors und bekommen einen Eindruck, wie dieser die Prüfungsleistung einschätzt.

Die unweigerliche Konfrontation mit den Beurteilungen des Erstkorrektors kann zu einem so genannten Confirmation Bias (Bestätigungsfehler) führen. Diesem kognitionspsychologischen Phänomen zufolge neigen Menschen dazu, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie die eigenen bereits existierenden Erwartungen erfüllen. Erwartet der Zweitkorrektor daher auf Grund der Anmerkungen des Erstkorrektors einen fehlerhaften Gutachtenstil, eine falsche Schwerpunktsetzung oder unvollständige Definitionen, wird er das Augenmerk bei seiner Korrektur auf Teile der Bearbeitung legen, die eben diese Erwartungen bestätigen. Gleichzeitig wird er Teilen der Klausurlösung, in denen die genannten Disziplinen beherrscht werden, weniger Beachtung schenken. Auch sein Gesamturteil – also die Interpretation der Daten – wird sich dann an seinen Erwartungen orientieren. Die Einführung eines echten Vier-Augen-Prinzips könnte das Entstehen solcher Effekte wirkungsvoll verhindern.

Kaum Argumente gegen ein echtes 4-Augen-Prinzip

Gegen die Einführung eines solchen Prinzips könnte (allein) eingewandt werden, dass der Korrekturaufwand dadurch erheblich steige und dass die Umsetzung in der Praxis mit Schwierigkeiten verbunden sei. Überzeugend wären diese Einwände nicht.

So sollte sich der zusätzliche Aufwand für die Zweitkorrektoren darauf beschränken, die Bewertung der Klausur ausführlich zu begründen. Denn die sorgfältige Lektüre der Klausur und eine unabhängige Bewertung darf schon jetzt von ihnen erwartet werden. Wer argumentiert, dass Zweitkorrektoren dieser Erwartung in der Praxis häufig nicht entsprechen und daher ein größerer Mehraufwand drohe, mag damit zwar teilweise richtig liegen. Er liefert damit allerdings auch einen Beleg dafür, wie dringend notwendig eine Reform ist.

Ähnlich verhält es sich mit einem anderen denkbaren Argument: In vielen Bundesländern ist für den Fall abweichender Bewertungen vorgesehen, dass sich beide Korrektoren abstimmen – notfalls braucht es eine dritte Stelle für eine Stichentscheidung. Man könnte einwenden, dass ein solcher Mehraufwand beim echten Vier-Augen-Prinzips voraussichtlich häufiger erforderlich wird. Auch das zeigt nur die Erforderlichkeit der vorgeschlagenen Änderung: Wenn bei einer unvoreingenommenen Zweitkorrektur größere Bewertungsdifferenzen bestehen, dann scheinen die zusätzlichen Abstimmungsrunden und Stichentscheide erforderlich (und geeignet!), um eine gerechte Leistungsbeurteilung zu fördern.

Zuletzt ließen sich pragmatische Bedenken hinsichtlich eines geänderten Korrekturablaufs ins Feld führen: Der Zweitkorrektor müsste die Klausur etwa ohne das Votum und ohne die Randbemerkungen des Erstkorrektors erhalten. Das bedeutet, dass vor der Erstkorrektur eine Kopie der Klausur angefertigt werden müsste, die dann übersandt wird.

Augen auf bei der Digitalisierung

Wenn diese Probleme etwas anachronistisch anmuten, ist das kein Zufall. Denn sie sind Ausdruck eines anderen Anachronismus, den es zu überwinden gilt: der handschriftlichen Anfertigung von Examensklausuren. Die Einführung eines digitalen Staatsexamens wäre mit zahlreichen infrastrukturellen Änderungen des Korrekturablaufs verbunden. Ein Datenraum, durch den sich die genannten logistischen Probleme lösen ließen, könnte fast nebenbei eingerichtet werden. Es handelt sich letztlich um Scheinprobleme. Das digitale Staatsexamen wird – früher oder später – umfassend eingeführt werden. Die Länder täten gut daran, diese Chance nicht verstreichen zu lassen, sondern naheliegende Synergieeffekte zu nutzen.

Suggested Citation

May, Malte, Das Staatsexamen verdient eine echte Zweitkorrektur, libra-rechtsbriefing, 18.10.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/vier-augen-prinzip/

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