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20.12.2022
Digitale Justiz
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VR-Brille statt Tatortbegehung

Virtuelle Realität, das sind längste keine Gamer in Subkulturen mehr. Das Landgericht Kaiserslautern hat vor kurzem den Tatort der Polizistenmorde von Kusel per VR-Brille besichtigt, das Landgericht Detmold schon vor Jahren damit einen KZ-Aufseher überführt. Auch den Gerichtsalltag in Zivilsachen können die VR-Brillen völlig verändern – und zwar eher heute als morgen.

Von Prof. Dr. Simon J. Heetkamp, Dr. Christian Schlicht und Dr. Christina-Maria Leeb

Es ist der 7. Juli 2022, der Prozess, den er leitet, sorgt bundesweit für Aufsehen. Wenige Monate später wird der Vorsitzende Richter Raphael Mall den Hauptangeklagten Andreas S. wegen zweifachen Mordes an zwei Polizisten in Kusel zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilen. Das Urteil gegen den Mann, der eine Polizistin und einen Polizisten erschossen haben soll, um seine Wilderei zu vertuschen, wird auch auf der Tatortbegehung durch das Gericht fußen – und das, ohne dass der Vorsitzende Richter den Tatort je betreten hat. Mall setzt eine VR-Brille auf, vom Sitzungssaal des Landgerichts Kaiserslautern aus begibt er sich virtuell an den Tatort der sog. Polizisten-Morde von Kusel. Verfahrensbeteiligte, Zuschauer und die Presse im Saal können den virtuellen Blick des Vorsitzenden über Leinwände verfolgen. Mall wird später zitiert mit den Worten Das ist Wahnsinn, auch ein Nebenklagevertreter zeigt sich öffentlich begeistert von weiteren Erkenntnissen, die durch die VR-Darstellung gewonnen worden seien.

Ganz ähnlich war schon Jahre zuvor das Landgericht Detmold vorgegangen. Es verurteilte den ehemaligen Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Reinhold Hanning, im Jahr 2016 wegen Beihilfe zum Mord zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren. Die richterliche Überzeugung, dass er an 170.000 tateinheitlich zusammentreffenden Fällen in diesem Sinne beteiligt gewesen war, basierte auch auf einer VR-Rekonstruktion des Konzentrationslagers, die das Bayerische Landeskriminalamt im Ermittlungsverfahren angefertigt hatte. Die Ermittler wollten nachvollziehen, ob Hannings Behauptung stimmen konnte, von den grausamen Taten im Lager nichts gewusst zu haben. In der Hauptverhandlung zeigte das Gericht das VR-Modell des Lagers auf Leinwänden, zu sehen war auch der freie Blick von den Wachtürmen am Rand des Lagers, auf denen Hanning gestanden hatte, in das Lagerinnere, wo die Verbrechen begangen wurden. Das Urteil gegen ihn wurde allerdings nie rechtskräftig, weil Hanning während des Revisionsverfahren verstarb.

Diese Verfahren stammen aus der Strafjustiz und sind zweifelsohne öffentlichkeitswirksamer als die meisten Bauprozesse. Doch auch im Zivilrecht drängen sich Anwendungsmöglichkeiten für den Einsatz virtueller Realitäten geradezu auf. Soweit ersichtlich hat aber in Deutschland bis heute noch nie ein Zivilgericht VR-Brillen eingesetzt. International ist nur ein Fall bekannt: Schon 1992 ließ ein in Kalifornien verklagter Motorradhersteller eine VR-Darstellung für einen Zivilprozess anfertigen. Mit Erfolg: Er konnte die mit VR-Headsets ausgestattete Jury davon überzeugen, dass die Klägerin mit dem Motorrad sehr unwegsames Gelände befahren und nicht etwa eine fehlerhafte Konstruktion oder Produktion des Motorrads zum Unfall geführt hatte.

Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte

Vor Gericht stehen Parteien und ihre Prozessbevollmächtigten immer wieder vor der Herausforderung, komplexe und umfangreiche Begebenheiten nachvollziehbar zu präsentieren. In Bausachen etwa geht es oft um technische Details und – beispielsweise auf Großbaustellen – um eine Vielzahl verschiedener Mängel, bei (komplizierteren) Verkehrsunfällen oder Großschadensereignissen müssen die Parteien ein sich in kürzester Zeit ereignendes, dynamisches Geschehen dem Gericht darstellen und plausibel machen.

Ohne VR-Simulationen sind sehr umfangreiche Schriftsätze, begleitet von Bildergalerien und Privatgutachten die Folge. Das fordert sowohl die sprachlichen Fähigkeiten der Prozessbevollmächtigten als auch die Konzentrations- und Verständnisfähigkeiten des Gerichts regelmäßig aufs Äußerste.

Dabei ist klar: Der Mensch nimmt Informationen am besten und schnellsten über das Auge auf – ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte. Schon heute legen Parteien dem Gericht Foto- und (seltener) Videomaterial vor und Sachverständige erstellen – etwa bei Verkehrsunfällen – Weg-Zeit-Diagramme,  um Unfallhergänge zu rekonstruieren. Zu sehen sind dann aus der Vogelperspektive die Unfallfahrzeuge, und zwar in den Sekunden vor dem Unfall.

Besser 3D als 2D

Dass VR gegenüber dieser Art von Visualisierung noch einen erheblichen zusätzlichen Nutzen bringen kann, zeigen Studien aus den USA. Demnach hängt das tatsächliche Verständnis von Entscheidern auch davon ab, welche Art von visueller Unterstützung ihnen angeboten wird. So sind Fotos besser als Textvortrag. Eine 3D-Darstellung ist besser als 2D-Darstellungen.

Virtual Reality bietet die Chance der Immersion, also des Abtauchens in die als real empfundene, virtuelle Umgebung. Der Nutzer kann sich in der virtuellen Darstellung frei bewegen und umschauen. Dabei kann er die (relative) Gegenstandsgröße, Abstände und Sichtverhältnisse besser beurteilen als bei einer bloßen 2D-Darstellung.

In eine virtuelle Umgebung könnten weitere Informationen (interaktiv) eingebettet werden. Auf der digitalisierten Baustelle kann an passender Stelle eingebettet werden, was sonst seitenweise in Anlagen beschrieben werden müsste. Etwa von Abweichungen des tatsächlichen Bauzustands von dem vertraglichen Bausoll kann das Gericht sich dann im wahrsten Sinne des Wortes ein Bild machen.

Dieser zusätzliche Nutzen von VR ist auf verschiedenen Verfahrensstufen denkbar. Das VR-Modell kann im Rahmen der Güteverhandlung informatorisch eingesehen oder zur Unterstützung einer Zeugenaussage herangezogen werden.

Erst mal bei den OLG: Gerichte brauchen VR-Hardware

Derzeit dürfte noch kein Zivilgericht in Deutschland mit VR-Technologie ausgestattet sein. Würde nun ein Prozessbevollmächtigter eine VR-Darstellung als Beweis anbieten, müsste das Gericht diese gleichwohl in Augenschein zu nehmen, wenn sie sich auf entscheidungserhebliche und streitige tatsächliche Umstände bezieht. Notfalls müsste das Gericht, wenn es die VR-Darstellung nicht mit Hilfe der eigenen IT einsehen kann, einen Sachverständigen heranziehen.

Aus Sicht des Beweismittelführers dürfte der pragmatischste Weg sein, dem Gericht betriebsbereite VR-Brillen sofort mit anzubieten. Die Justizverwaltungen sollten allerdings schon jetzt erwägen, die Gerichte mit der notwendigen VR-Hardware auszustatten. Solange diese Technik noch nicht weit verbreitet ist, könnte man einzelne Geräte zentral bei den Oberlandesgerichten vorhalten. Zudem braucht es eine Softwarelösung, mit der Richter diese Technologie im Verfahren einfach und intuitiv einsetzen können.

Sobald die Justiz mit der Technologie ausgestattet ist, sollte sie – gemeinsam mit Hochschulen und der freien Wirtschaft (Rechtsanwälte, Sachverständige) – mit einer Simulationsstudie zu den prozessualen Fragen beginnen. In justizinternen Workshops könnten Justizangehörige sich mit VR-Technologie auseinandersetzen,  Baukammern könnten etwa mit VR-Modellen von Bauplänen oder 360°-Ansichten von Baustellen experimentieren.

Es lohnt sich, über Innovationen „schon“ heute nachzudenken und diese zu pilotieren. Die digitale Rechtsantragsstelle ist laut dem Bundesjustizministerium in Arbeit, ein möglicher nächster Schritt wären Kammerberatungen oder Schulungen im virtuellen Raum. Der britische Rechtswissenschaftler und Legal-Tech-Vorreiter Richard Susskind ist sich jedenfalls sicher: Die juristische Ausbildung werde bald „wie bei Astronauten“ in VR stattfinden.

Suggested Citation

Heetkamp, Simon, Schlicht, Christian, Leeb, Christina-Maria, VR-Brille statt Tatortbegehung, libra-rechtsbriefing, 20.12.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/vr-brille-statt-tatortbegehung/

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