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28.06.2022
Bachelor in der Juristenausbildung
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Zwei Verträge für den Bachelor

Die schwarzgrünen Koalitionsverträge aus Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein verpflichten sich beide auf eine rechtsstaatliche, angemessen ausgestattete und effiziente Justiz mit nicht zu vollen Justizvollzugsanstalten, die sich auch der Resozialisierung widmen können. Das Bekenntnis zur Digitalisierung ist zentral – immerhin hinkt Deutschland hier ganz ordentlich hinterher, wie die kürzlich hier besprochene Studie des Legal Tech Verbandes zeigt. An dieser Stelle soll aber – wie bei einer akademischen Autorin nicht überraschend – die Juristenausbildung im Mittelpunkt stehen.

Die Diskussion um die Reform des Jurastudiums ist in Deutschland praktisch so alt wie das Jurastudium selbst, trotzdem ändert sich kaum etwas. Nun scheint es aber, als könnte sich wirklich etwas bewegen: NRW klingt recht entschieden: “Wir wollen unseren Universitäten für das Jurastudium den integrierten Bachelor ermöglichen” heißt es in Randnummer 4220 des Koalitionsvertrags (PDF). Dabei hatte sich die schwarz-gelbe Vorgängerregierung beim Juristenausbildungsgesetz NRW 2021 noch gegen den Bachelor entschieden. In Schleswig-Holstein will die Koalition immerhin “prüfen”, ob sie einen integrierten Bachelor-Studiengang anbietet (Randnummer 3909, PDF).

Ein integrierter Bachelor kann mit den Studienleistungen eines „normalen“ Jurastudiums erlangt werden; zusätzliche Leistungen wie etwa erfolgreiche Klausuren in den Wirtschaftswissenschaften sind nicht erforderlich. Unterschiede bei der Ausgestaltung sind insofern denkbar, als der Bachelor theoretisch bereits nach der Zwischenprüfung oder später abgelegt werden kann. Die Variante, die verlangt, dass alle Leistungen, abgesehen vom staatlichen Pflichtteil, erbracht werden müssen, dürfte am überzeugendsten sein. Hier bildet die Schwerpunktarbeit – eine Art Seminararbeit – praktisch die Bachelorarbeit.

Ein solcher Bachelor wird bereits unter anderem an den Universitäten in Berlin und Brandenburg vergeben.

Pro und Contra

Ein solcher Bachelor wird von den Studierendenvertretern seit Jahren gefordert. Viele Professor*innen und Praktiker*innen bleiben skeptisch.

Das spricht für den Bachelor:

  • Studierende, die an der Universität alle Studienleistungen erbracht haben, haben auch einen Abschluss verdient und sollen im Fall des endgültigen Nichtbestehens nicht nur mit Abitur und Führerschein dastehen.
  • Über 80 Prozent der Jurastudierenden klagen über hohen Druck vor dem Staatsexamen. Studierende versprechen sich durch den Bachelor eine Reduktion des Stresses, das Staatsexamen bestehen zu müssen.
  • Lebensläufe könnten flexibler werden. Schon heute machen weniger Studierende das zweite Staatsexamen und arbeiten sofort in Berufen, in denen man nicht Volljurist*in sein muss. Denkbar ist der Gang ins Ausland, in eine internationale Organisation oder ein Zweitstudium, etwa ein Master in einem anderen Fach.

Das spricht gegen den Bachelor:

  • Das wichtigste Gegenargument dürfte die Befürchtung einer Marginalisierung des Staatsexamens sein, im schlimmsten Fall mit der langfristigen Folge seiner Abschaffung und Anschluss an ein Bachelor-Mastersystem à la „Bologna“.
  • Es wird auch befürchtet, die Hoffnungen der Studierenden seien unberechtigt: die Chancen auf dem Arbeitsmarkt für Absolvent*innen seien ungewiss. In der Tat gibt es noch keine Daten zu den Berufschancen der Absolvent*innen.
  • Außerdem werde die Bachelorisierung des Studiums zu (noch) stärkerer Verschulung und durch die ständigen Leistungsanforderungen zu mehr Stress während des Studiums führen.
  • Die Ein- und Durchführung des Bachelors bedeute schließlich einen ganz erheblichen administrativen Aufwand für die Universitäten. Prüfungsordnungen und Klausuren müssten entsprechend gestaltet werden.

Ich selbst stehe auf der Pro-Seite, auch wenn ich die Vorteile des Staatsexamens zu schätzen weiß. Es liefert einen im In- und Ausland gleichermaßen anerkannten und – im Großen und Ganzen – vergleichbaren Abschluss. Auch wer an einer eher unbekannten Hochschule studiert, kann gewiss sein, mit einem guten Examen überall in Deutschland gute Chancen zu haben. Am Staatsexamen sollte also unbedingt festgehalten werden.

Der Bachelor stärkt die Nerven

Daneben sollte aber der Bachelor im Interesse der Studierenden ermöglicht werden. Umfragen unter Studierenden und die bisherigen Erfahrungen aus Berlin und Brandenburg zeigen, dass Studierende trotz des „Sicherheitsnetzes“ das Staatsexamen anstreben. Eine Marginalisierung ist also nicht zu befürchten. Der Bachelor kann aber helfen, den von Studierenden oft als unerträglich empfundenen Druck vor dem Examen zu mindern. Denn auch wenn der Bachelor nicht den Zugang zum Richteramt oder der Anwaltschaft öffnet – besser als nichts ist er allemal und könnte eine Karriere in Unternehmen oder der Verwaltung ermöglichen.

Da mögen wir älteren Jurist*innen anmerken, dass wir die Examensmühen auch durchgestanden haben und man die Schwächeren eben schnell herausprüfen solle. Solche Überlegungen werden der Lebenswirklichkeit heutiger Studierender, nach Corona-Studium und steigenden Zahlen psychischer Belastungen, aber nicht gerecht. Warum sollen sie leiden, nur weil wir es auch mussten? Auch wenn letztlich nur eine geringe Zahl endgültig nicht bestehen sollte – genaue Zahlen dazu findet man nicht – die lähmende Angst zu diesen zu gehören, hält Studierende nicht selten von der Anmeldung zum Examen, vom Zweitversuch und im Einzelfall auch von der Wahl des Studiums insgesamt ab. Das kann weder im Interesse der Studierenden noch der Gesellschaft sein.

Studierende und Gesellschaft investieren in das Studium – mit Ressourcen, Lebenszeit und Energie. All das sollte auch im Falle eines Falles nicht völlig vergeblich gewesen sein. Und für leistungsstarke Studierende, die erkennen, dass sie nicht lebenslang in einem klassischen juristischen Beruf arbeiten wollen, ermöglicht der Bachelor schneller alternative Studien- und Karrieremodelle.

Unsere Welt wird bunter und das sollte auch für die juristische Ausbildung gelten.

Foto von Untitled Photo auf Unsplash

Suggested Citation

Sanders, Anne, Zwei Verträge für den Bachelor, libra-rechtsbriefing, 28.06.2022, https://www.libra-rechtsbriefing.de/L/zwei-vertraege-fuer-den-bachelor

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